angedacht - gesegnet - ermutigt

Unsere Gedanken zur Woche:

"Ich sage Ja"    (Joachim, 21.06.21)

„Ich sage Ja!“ Ich stimme zu, ich bin dabei, ich gehe mit …

Im Tiefen und im Letzten bezieht sich dieses Ja auf ein Du hin und findet so z.B. in der Hochzeit einen feierlichen Höhepunkt, ist kaum mehr zu überbieten, weil – wenn man ehrlich ist – ein solches Ja nur gewagt werden kann. Natürlich habe ich gute Gründe, gute Erfahrungen und eine gute Einsicht, und ohne diese würde ich ein solches Ja nicht aus- und zusprechen können. Doch wenn ich ehrlich bin, dann übersteigt dieses Ja, übersteigt ein solches Vertrauen in einen anderen sämtliche guten Gründe zusammen, greift darüber hinaus, und wenn nicht in den Himmel so jedenfalls in eine ungewisse, jedoch erhoffte gute Zukunft.

Aber auch anders kann so ein Ja gesprochen sein, gesprochen als ein Wort meiner Hoffnung: es möge so sein, dass ich Ja sagen kann, dass ich all meinen Mut zusammen bekäme, meine Bedenken und Zweifel doch überwinden könne und dennoch Ja zu sagen vermöchte.

Oder in mitten der Not, wo all mein Vertrauen, mein Glaube an das Gute mich zu verlassen drohen, und ich dann, der Verzweiflung nahe, dieser mit meinem Ja Widerstand leiste. Die Kraft des Jas mag im Extremfall sogar soweit reichen, dass selbst dort, wo überhaupt nichts mehr für ein Ja und alles für ein Nein spricht, der Mensch dennoch an seinem Ja festhält. „Ich sage Ja!“ kann dem Höchsten und Größten, dem Schönsten und Wertvollsten ant-worten und ebenso dem Tiefsten und Abgründigsten trotzen.

Vor einigen Wochen habe ich bereits erwähnt, dass ich mich in diesen Coronazeiten völlig ungewohnt sonntagmorgens vor dem Fernseher wiedergefunden, den Gottesdienst angeschaut und zuschauend mitgefeiert habe. Bis dahin hielt ich das für etwas, was ausschließlich für die Alten, die Gebrechlichen, also für die, die halt nicht mehr in Gottesdienst gehen können, gedacht sei. Ich musste mein Urteil revidieren und erkennen, dass die Gottesdienste – zumindest die, die ich gesehen habe – durchweg stilvoll gestaltet sind, sich alle Beteiligten engagiert einbringen und dabei auch auf eine ansprechend musikalische (natürlich corona-konforme) Inszenierung geachtet wird. Ich habe dabei immer wieder mir unbekannte, gute und schöne Lieder kennengelernt.

Und aus einem solchen Fernsehgottesdienst, der vor einem Jahr in einer evangelischen Kirche gefeiert wurde, schreibe ich Euch dieses Lied, dieses Bekenntnis aus dem Glauben, dieses „Ich sage Ja!“

Ich sage Ja zu dem, der mich erschuf:

Ich sage Ja zu dem, der mich erschuf.

Ich sage Ja zu seinem Wort und Ruf

zum Lebensgrund und Schöpfer dieser Welt,

und der auch mich in seinen Händen hält.

Ich sage Ja zu dem, der uns gesandt

und aus dem Tod zum Leben auferstand

und so trotz Hass, Gewalt und Menschenlist

für uns zum Freund und Bruder worden ist.

Ich sage Ja zu Gottes gutem Geist,

zum Weg der Liebe, den er uns verheißt,

zu wagen Frieden und Gerechtigkeit

in einer Welt voll Hunger, Angst und Leid.

Ich sage Ja zu Wasser, Kelch und Brot,

Wegzehrung, Zeichen, Zuspruch in der Not.

Ich sage Ja und Amen, weil gewiss:

Ein anderes Ja schon längst gesprochen ist.

Okko Herlyn

Leider habe ich auch hier keine zugänglichen Noten gefunden, aber auf jeden Fall könnt Ihr es Euch anhören, so wie sie es im Fernsehgottesdienst am 26. April vor einem Jahr gesungen haben:

https://www.youtube.com/watch?v=6LW4rcrfzc8

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"15-km-Abenteuer"    (Stephan, 14.06.21)

Endlich können wir ein bisschen durchatmen,
endlich ist wieder manches möglich, das so lange eingeschränkt war,
endlich sehen wir einen Silberstreif am Horizont und die Sommer-Sonne am Himmel.

Durchatmen, weil wir anderen wieder ohne Maske ins Gesicht schauen können,
durchatmen, weil wieder Besuche und Treffen in kleineren Kreisen möglich sind,
durchatmen, weil die Eisdiele, das Blüba, der Lieblingsladen wieder offen haben,
durchatmen, weil wir das Leben wieder neu für uns und miteinander entdecken können.

Manche planen schon die große Entdeckungsreise im Sommer, den Urlaub in weiter Ferne.
Doch so fern muss es gar nicht sein. Schon 15 Kilometer am Tag reichen aus, um neue Welten zu entdecken. Zu Fuß kann man in 2 Stunden an vollkommen fremden Orten sein, und zwar jeden Tag aufs Neue. Dieser Gedanke wird dem US-amerikanischen Schriftsteller und Philosophen Henry David Thoreau zugeschrieben. Thoreau selbst hat zwei Jahre lang in einer selbst gebauten Holzhütte am Walden-See in Massachusetts gelebt, um für sich herauszufinden, was man wirklich zum Leben braucht. Nicht viel, so seine Erkenntnis. Je weniger man besitze, desto glücklicher sei man, so schreibt er in seinem Buch „Walden“. Und im letzten Kapitel: „Es bedarf nicht des Geldes, wenn man sich Nahrung für die Seele kaufen will.“

Probiert es aus! Zieht um den Ort, an dem ihr gerade seid, gedanklich einen Kreis auf der Landkarte mit einem Radius von 15 Kilometern und dann zieht los, zu Fuß oder mit dem Fahrrad und lasst Euch überraschen, was ihr entdecken werdet. 15 Kilometer Abenteuer in Eurer Nähe!

Wer in Ludwigsburg ist, kann im Umkreis von 15 Kilometern einiges erleben: Verwunschene Keltengräber, das Naturparadies Zugwiesen, ein Selbstpflückfeld mit süßen Erdbeeren, eine Eisdiele mit einer Sorte, die ich noch nie gekostet habe. Und wenn ihr neben den Orten auch die Menschen um Euch wahrnehmt - jetzt wo wir wieder leichter ins Gespräch kommen können - dann können wir Geschichten erleben, die es in weiter Ferne nicht schönere geben könnte.

Zieht los, macht Augen und Ohren auf und euer Herz weit, und erlebt das 15-km-Abenteuer! So wie es auch Jesus erlebt hat, und Menschen mit ihm. Jesus hat sich zu Fuß auf den Weg gemacht (Auto und Zug gab es ja noch nicht!). Er hat neue Wege eingeschlagen. Manchmal waren es vielleicht 15 Kilometer, manchmal ging er einfach bis zu dem Menschen um die nächste Straßenecke, der in Not war oder sich einfach über eine menschliche Begegnung gefreut hat. Von diesen Wegen und Abenteuern lesen wir in der Bibel. Lasst Euch davon anregen und entdeckt die Abenteuer des Lebens – manchmal höchstens 15 Kilometer nah!

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"Nicht ich, sondern Gott in mir!"    (Joachim, 07.06.21)

Dieses Bekenntnis findet sich auf einem im Fußboden der Friedenskapelle des Doms von Uppsala eingelassenen Gedenkstein:
„Nicht ich, sondern Gott in mir.
Dag Hammarskjöld 1905-1961“

In unserer Taizé-Andacht (online) vor Pfingsten haben wir den zweiten Generalsekretär der Vereinten Nationen, Dag Hammarskjöld, ein wenig betrachtet. Und seine Wort-Schätze, die aus einem inneren Ringen mit sich selbst und mit Gott hervorgegangen sind, lohnen sich immer wieder anzuschauen, so wie man es mit Schätzen eben tut.

Dieser herausragende Schwedische Staatsmann geriet als UN-Generalsekretär mit seinem unbedingten Einsatz für den Frieden in und zwischen die Mühlen der Intrigen der Großmächte und wohl auch deren Geheimdienste. Unter bis heute ungeklärten Umständen ist das Flugzeug, in dem er auf seiner Friedensmission in den Kongo unterwegs war, abgestürzt. Noch im selben Jahr 1961 bekam Hammarskjöld posthum den Friedensnobelpreis. Und nach seinem Tod dann die Überraschung. Man fand sein Tagebuch – ein ganz außergewöhnliches. Hammarskjöld selbst hat es „Weißbuch meiner Verhandlungen mit Gott und mit mir selbst“ genannt. In diesem Tagebuch offenbart sich ein Weltpolitiker seines Formats als ein tief frommer Mensch, der in sich und in seinem Wirken nichts anderes will, als Gott wirken zu lassen. Dies zu erkennen und in seinem Leben zu verwirklichen, ist ihm keineswegs einfach in den Schoß gefallen. Sein Tagebuch eröffnet er mit einem vierzeiligen Gedicht:

Berührt vom Winde
meines unbekannten Ziels
zittern die Saiten
im Warten

An Pfingsten 1961 – ein halbes Jahr vor seinem Tod – schaut er mit seinem Tagebuch zurück auf Krisenjahre ein Jahrzehnt zuvor, in denen er sich innerlich hin- und hergerissen und niedergeschlagen fühlte. Und so hält er am Fest des Heiligen Geistes rückblickend fest:

„Ich weiß nicht, wer - oder was - die Frage stellte. Ich weiß nicht, wann sie gestellt wurde. Ich weiß nicht, ob ich antwortete. Aber einmal antwortete ich Ja zu jemandem - oder zu etwas. Von dieser Stunde an rührt die Gewissheit, dass das Dasein sinnvoll ist und dass darum mein Leben in Unterwerfung ein Ziel hat."

Es sind keine einfachen Worte, die sich in dieser Schatztruhe, in diesem Tagebuch finden, keine Kalenderspruchweisheiten, die mal eben so schön zu lesen und dann auch wieder zu vergessen sind, Es sind dem Leben und Glauben abgerungene Einsichten (und Erleuchtungen), die Hammarskjöld für sich festgehalten hat und an denen er uns teilhaben lässt. Und von diesen Schätzen möchte ich Euch heute ein paar zeigen. Schätze eines durch und durch integren Menschen und Christen, dem der Frieden und die Versöhnung, nicht nur dem zwischen Völkern und Nationen, sondern auch dem Frieden im Kleinen und ganz Alltäglichen und dem Frieden in der Seele der Menschen, ein wirkliches, existentielles und spirituelles Anliegen war. Mit dem ziemlich altmodischen und uns heutigen geradezu antiemanzipatorisch verdächtigen Begriff „Demut“ findet Hammarskjöld zu seiner inneren Freiheit und Unabhängigkeit, bewahrt sich selbst vor Überheblichkeit und gleichzeitig genauso vor eigener Selbstabwertung:

„Demut heißt, sich nicht vergleichen. In seiner Wirklichkeit ruhend ist das Ich weder besser noch schlechter, weder größer noch kleiner als Anderes und Andere, es ist nichts, aber gleichzeitig eins mit allem.“

Was für eine Erlösung wäre das aus unseren eigenen Selbstverstrickungen: Andere aber auch sich selbst zu bewerten und abzuwerten, das Gefühl zu haben, im Vergleich mit anderen nicht zu genügen, nicht hübsch genug, nicht klug genug, nicht attraktiv genug, nicht schnell genug zu sein – und genauso Erlösung davon, sich selber für etwas Besseres halten zu müssen: Nichts zu sein aber gleichzeitig eins mit allem.

 Und im August 1955 schreibt er: „Einfachheit heißt, die Wirklichkeit nicht in Beziehung auf uns zu erleben, sondern in ihrer heiligen Unabhängigkeit. Einfachheit heißt sehen, urteilen und handeln von dem Punkt her, in welchem wir in uns selber ruhen. Wie vieles fällt da weg! Und wie fällt alles andere in die richtige Lage!“

Eine „heilige Unabhängigkeit“, also aus einem inneren Bei-sich-sein, einem inneren Frieden und so in und aus einer Freiheit handeln, in der ich nicht um mich selbst kreise, sondern aus und in Gottes Gegenwart Gottes lebe. Das wärs! Und wie Hammarsjköld zu einem Leben in Demut weiter ausführt:

Lob und Tadel, die Winde von Erfolg und Misserfolg blasen spurlos über dieses Leben hinweg und ohne sein Gleichgewicht zu erschüttern. Dazu hilf mir, Herr“.

Hammarsjköld zu lesen (und erst recht zu leben) ist anspruchsvoll, weil er selbst einen hohen Anspruch an sich zu stellen wusste. Und gleichzeitig führt er zur Einfachheit, dorthin wo das Leben (sein Leben) im Glauben stimmig wird. Und so schließe ich mit einem ganz kurzen ein- und ausdrücklichen Gebet von Dag Hammarskjöld:

Vor dir, Vater,
in Gerechtigkeit und Demut,

mit dir, Bruder,
in Treue und Mut,

in dir, Geist,
in Stille.

Dag Hammarskjöld, Zeichen am Weg,
Das spirituelle Tagebuch des UN-Generalsekretärs

Wer sich näher und durchaus anspruchsvoll mit Dag Hammarskjöld befassen möchte, wird hier fündig:

Lore Kugele, Redlich vor Gott,
Eine Studie zur ethischen und religiösen Identität
Dag Hammarskjölds

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"Dumm gelaufen, und doch etwas draus geworden!"    (Stephan, 23.05.21)

Heute eine Rück- und Vorschau auf Pfingsten: Dumm gelaufen und doch etwas draus geworden!

- Simon hat davon geträumt, dass alles anders wird. Raus aus dem immergleichen Alltagstrott. Raus aus seinem kleinen Dorf. Hinaus in die weite Welt, und er mittendrin.
- Andreas hat nicht von der weiten Welt geträumt, sondern wollte sie auf den Kopf stellen. Die große Freiheit im Sinn und im Blick, und er vorne mit dabei.
- Maria hat sich nur eine kleine, heile Welt gewünscht, für sich ein bisschen Glück, Liebe wenigstens ein Stück, und sie ein Teil davon.

Doch dann: Der mit all ihren Träumen in Verbindung stand, der die Welt weit machen oder auf den Kopf stellen und mit Liebe füllen sollte, Jesus ist nicht mehr da. Gestorben, auferstanden, und dann in den Himmel aufgefahren, zurück zu Gott, seinem Vater. Und Simon, Andreas, Maria, die Freunde und Freundinnen Jesu? Sie sitzen in einem Haus, traurig, ratlos, einsam. Jesus nicht mehr da, Angst in den Herzen. Dumm gelaufen!

- Lara hat davon geträumt, dass alles anders wird. Hinaus in die weite Welt des Studiums, eine neue Stadt erleben, interessante Leute treffen, und sie mittendrin.
- Emily wollte die Welt auf den Kopf stellen, jetzt im Sommer nach ihrem Examen. Die große Freiheit im Sinn und im Blick, eine Reise, der Traumjob, und sie vorne mit dabei.
- Michael hat sich eine kleine, heile Welt gewünscht, wenigstens für die nächste Woche. Für sich ein bisschen Glück, Pfingstferien im Ausland, und er ein Teil davon.

Doch dann: Das die Welt eng gemacht und auf den Kopf gestellt hat, das Corona-Virus ist noch da und wirft weiterhin unsere Pläne über den Haufen. Lara, Emily, Michael und auch wir? Wir sitzen da, traurig, ratlos, einsam, Angst in den Herzen. Dumm gelaufen.

- Die Freundinnen und Freunde Jesu – plötzlich regt sich etwas in ihren Herzen und Köpfen, gibt neuen Mut. Sie stehen auf, gehen nach draußen, kommen in Bewegung. So steht es in der Bibel. „Feuer und Flamme“ waren sie, von Gottes Geist begeistert – Pfingsten vor rund 2000 Jahren.

- Lara, Emily, Michael und auch bei all uns anderen regt sich etwas in Herzen und Köpfen, gibt neuen Mut. So steht es nicht in der Bibel, aber könnte geschehen, jetzt an Pfingsten 2021:

Lasst euch anstecken, nicht vom Virus, sondern vom Hoffnungsgeist. Steht auf, geht nach draußen und kommt in Bewegung. Wenn nicht in die weite Welt dann wenigstens ein paar Kilometer hinaus, ob Impfung oder Test, ob neue Ideen oder Schönes von früher - kleine neue Freiheiten.
„Feuer und Flamme“, wer weiß? Vielleicht auch nur ein Hoffnungsfunke, aber immerhin!
Auch das erste Pfingsten war eher ein zündender Moment, ein erster Geistesblitz. Aber eben Gottes Geistesblitz, der Funke gegen den Frust, der Rückenwind fürs Leben.
Erst klein, dann aber begeisternd und schließlich Feuer und Flamme für alle!
Erst ist´s dumm gelaufen, am Ende ist doch etwas daraus geworden. Ich hoffe, auch für uns. Ich wünsche es euch, dass doch etwas daraus wird, auch mit einem Schwung Geist.

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"Hört! Siehe!"    (Joachim, 17.05.21)

Hört! Siehe … (Mk 4,3ff) Oder: Hätte Jesus ein Deutscher sein können?

 „Why the Germans Do it Better“ – mit diesem Buch erregte John Kemper, britischer Journalist, Auslandskorrespondent und Schriftsteller, letztes Jahr erhebliches Aufsehen vor allem in seiner Heimat. Viele hielten es für einen Witz, als er erzählte, dass er sein Buch unter diesem Titel veröffentlichen wollte. Doch je länger er nachdachte, desto solider erschien er ihm. Kempfer, der viele Jahre in Deutschland lebte und arbeitete und dabei wohl ein Deutschlandliebhaber (sofern es so etwas geben kann) geworden ist, beschönigt entgegen des Eindrucks, den sein von ihm gewählten Titel erwecken könnte, nichts; ja im Buch steckt eine Menge Kritik an Defiziten und besonders Nervigem bei uns in Deutschland. Doch um es auf den Punkt zu bringen, füge ich ein Zitat von ihm an (aus einem Interview, das ich im Radio gehört habe und aus dem Gedächtnis dem Sinn nach so wiedergeben kann): „Wenn in England von zehn Dingen neun schief gehen und eines gelingt, dann bejubelt man das eine und stellt es ganz nach vorne zur Schau. Wenn in Deutschland von zehn Dingen neun gelingen und eines daneben geht, dann hagelt es Kritik und alle hadern wegen dieses einen Misslingens“.

Woher kommt dieses Miesepetergehabe, dieses ständige Kritisieren, Jammern, Nörgeln am Eigenen? Die Deutsche Journalisten Julia Zeh ging bereits vor mehr als einem Jahrzehnt dieser Frage nach dem allverbreiteten Klagen in unserem Land nach. Ihr Aufsatz: „Anleitung zum Selbstverständnis – über das Ende exaltierter Jammerei“ beginnt sie mit der bereits vielsagenden Bemerkung: „Wenn ich etwas über das Wesen des deutschen Patriotismus lernen will, fahre ich Zug. Und zwar ins Ausland …“ Julia Zeh beobachtet genau und gewinnt ihre (neue) Perspektive insbesondere mit Hilfe und aus der Sicht ihrer ausländischen Kolleginnen und Kollegen; und so kommt sie in ihrem Aufsatz dann dazu, unsere herausragende deutsche Fähigkeit so zu benennen: „alles einigermaßen richtig zu machen und dabei alles richtig grauenvoll zu finden“. Und dabei sei diese Neigung zu übersteigerter Selbstkritik [wie es vielleicht nahliegen könnte] gar nicht Ausdruck einer Bescheidenheit, sondern im Gegenteil eine subtile Variante der Überheblichkeit. Eine aus ihren Empfehlungen an uns Deutsche lautet daher: „Hören wir einfach auf, uns selbst und unser Land permanent unerträglich zu finden, denn das kam gemessen an den Realitäten schon immer einer Undankbarkeit von unappetitlichen Ausmaßen gleich“.

Und? Was hat das jetzt mit Jesus zu tun? „Hört!“ – so spricht er den Leuten zu, die ihn vom Ufer des Sees aus sehen und hören möchten. „Siehe! Ein Sämann zog hinaus, um zu säen. Und dann geschah es“. Hört und seht; denn was dann geschieht, ist im Grunde eine Katastrophe. Ein Teil der Saat nach der anderen geht zugrunde: wird gefressen, verdorrt, erstickt. Nach der zweiten Vernichtung (spätestens) würden wir in Deutschland die politisch Verantwortlichen - wenn schon nicht in die Wüste schicken, so doch – ganz erheblich medial anfeinden. Und selbst wenn wir noch die Geduld aufbrächten, Jesus weiter zuzuhören und auch das Ende zu realisieren: Ein Teil der Saat nämlich fiel auf guten Boden und brachte schließlich zigfachen Erfolg: Frucht, also Korn, also Mehl, also Brot, also Leben! Und genau darauf läuft Jesu „Hört! Siehe!“ hinaus, um dann noch hinzuzufügen: Wer Ohren hat, die hörend sind, höre! …

Also auch dann, wenn wir Deutsche dieses Ende realisierten, selbst dann steckte noch immer eine viel zu große Skepsis in unseren Knochen, als dass wir diesen Erfolg (Leben) uneingeschränkt feiern/genießen (und Gott und den Sämann loben) könnten. Hört! Siehe! Das sollten wir uns in dieser Zeit wieder einmal gesagt sein lassen. Natürlich sind Fehler begangen worden in der Pandemie, teilweise sogar absehbare Fehler. (Und es werden sicher noch weitere folgen). Und natürlich sollen und müssen wir die auch benennen und Korrekturen einfordern. Doch das ist etwas anderes als die fast täglich zelebrierte Lust, sich an den Fehlern der anderen (insbesondere der Politiker) zu weiden. Man könnte manchmal fast den Eindruck gewinnen, dass die „Schuld“ an der misslichen Lage nicht ein Virus trägt, das sich zu einer Naturkatastrophe ausgewachsen hat, sondern vermeintlich unfähige Politiker und/oder Wissenschaftler/Virologen (wahlweise männlich und weiblich).

Wenn wir aber – um noch einmal Jesus im Fortgang seiner Rede zu zitieren – sehen und doch nicht sehen und hören und doch nicht hören … dann erfüllt sich – in einem anderen Kontext auch heute – das Prophetenwort Jesaias an uns: Hören sollt ihr, hören und doch nicht verstehen; sehen sollt ihr, sehen und doch nicht einsehen. Denn das Herz dieses Volkes ist hart geworden. Und deshalb an Euch, die Ihr als Studentinnen und Studenten auf der einen Seite die Pandemie sehr viel härter zu spüren bekommt als ich oder wir (die wir in relativ gesicherten Stellungen halbwegs wenigstens mit der Situation zurechtkommen können), und die Ihr auf der anderen Seite Euch hoffentlich noch nicht so sehr vom Jammervirus habt infizieren lassen: Behaltet Euch das gute Sehen und Hören – trotz allem! Lasst Eure Augen vom Blick Jesu Christi leiten und schaut immer auch auf das Gelingen, auf das das Hoffnungsreiche, auf das Schöne und manchmal so unerklärlich Gute mitten im Leben.

Und das heißt jetzt in der Pandemie konkret: Schaut, es ist gelungen in weniger als einem Jahr Dank fähiger und hoch qualifizierter Frauen und Männer (auch hier bei uns in Deutschland) Impfstoffe zu entwickeln (letztes Frühjahr im März eine noch undenkbar kurze Zeitspanne), die die Basis für ein wieder „normaleres Leben“ bilden. Und: Die von verantwortungsvollen Politkern (welcher Couleur auch immer) getroffenen Maßnahmen; unser aller Beachtung von teils erheblich einschränkenden Regelungen und die Rücksichtnahmen für die Älteren und Schwächeren; der unermüdliche Dienst von Ärzten, Krankenschwestern und Pflegern, also jenen Frauen und Männern, die an der Virusfront stehen; ein trotz mancher Schwächen intaktes Gesundheitswesen; eine auch in der Krise (unbedingt notwendig) stabile Wirtschaft und Wissenschaft, die Voraussetzung dafür sind, dass die besonders in Not geratenen Dienstleistungsbetriebe überhaupt wieder Fuß fassen können. All dieses zusammen und noch viel mehr führt aktuell dazu, dass es eine Perspektive für das „Danach“ überhaupt geben kann. Neben vielen Hässlichkeiten und Ellenbogenhaltungen (ja ganz bestimmt) hat sich so viel nachbarschaftliches, hilfreiches und soziales Handeln unter den Menschen gezeigt. Manche Schwachstellen unseres Systems hat die Pandemie offengelegt (ja natürlich), aber gerade deshalb können wir sie jetzt alle sehen und auch angehen.

Und wenn es uns am Ende sogar gelänge (wenn!), dass wir nicht nur aus den Fehlern lernten, sondern sie uns (und gerade auch Politkern) verzeihen könnten, dann – ja dann wären wir ganz nah bei Jesus. Jesus war kein plumper Optimist; er war einer der zu sehen vermochte und geschaut hat. Und was er sah (bei seiner Taufe), war dass der Himmel offen ist. Diesen offenen Himmel hat er sich in seinem Herzen bewahrt bis in die eigene Vernichtung hinein. Einen solchen jesuanischen Himmelsblick, den wünsche ich Euch und uns allen – immer wieder und wenigstens ein kleines bisschen auch dann noch, wenn der Himmel längere Zeit wolkenverhangen sein sollte.

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"Pause, bitte!"    (Stephan, 10.05.21)

„Wir sind ständig ´on`, von morgens bis nachts. Durch den ständigen Austausch mit den virtuellen Welten zerfällt das Ordnungsraster des Alltags.“, so schreibt es Ranga Yogeshwar in seinem Buch „Nächste Ausfahrt Zukunft“, das wir gerade im Leseseminar der ESG-KHG miteinander lesen. Im Kapitel „Zaubern – von der digitalen Magie“ haben wir uns ertappt, wie auch wir uns oft in der Falle der Dauererreichbarkeit wiederfinden. Im Studium oder privat, zuhause oder unterwegs, Messengernachrichten, Mails oder Videomeetings – wir sind ständig online. Und stehen unter Druck, immer, schnell und für alle(s) bereit zu sein und zu antworten.

Manchmal braucht es eine Pause. Eine richtige Pause, absolute Funkstille. Das geht nicht nur mir so, und da gibt es verschiedenste, gute Ideen: Aufs Rad oder mit Joggingschuhen ab in den Wald. Ein gutes Buch und in die Decke gekuschelt. In einer leeren Kirche schweigen oder beten... Und das Smartphone bleibt zuhause. Alle Geräte abschalten und selbst abschalten – das tut so gut! In diesen aufgeregten Zeiten gerade erst recht. Pause bitte! Wir Menschen sind keine Maschinen, die rund um die Uhr am Strom hängen und arbeiten, die ständig unter Strom stehen können. Daran müssen wir uns immer wieder selbst oder andere erinnern, dass wir es nicht vergessen: Pause bitte!

Auch Jesus hat sich immer wieder Auszeiten gegönnt. Ständig verfügbar zu sein, das hat auch er nicht geschafft. Oder nicht gewollt. Bei ihm war es nicht das Handy, aber wohin er auch kam, da waren Leute. Und die wollten Jesus sehen oder hören, geheilt oder ermutigt werden. Das hat Jesus getan, sehr oft, gerade die, die es so sehr gebraucht haben. Aber es kostet auch viel Kraft. Und das hat Jesus bei sich gespürt und hat sich dann zurückgezogen. Am liebsten ist Jesus auf Berge gestiegen – so steht es zumindest mehrfach in der Bibel. Hoch oben auf dem Berg hat er die Ruhe genossen, den Ausblick und das Alleinsein. Alleinsein mit sich und mit Gott. Mit Gott hat er geredet und hat sich von ihm Kraft geholt, für den nächsten Tag, für die Menschen, für die Sorgen und Nöte, für das Glück und die Sehnsucht, verstanden und geliebt zu werden.

Mal keinen Kontakt zu haben - nur den zu Gott - um wieder den Kontakt zu mir selbst zu finden, das hilft auch mir, und meinem Alltag und den Menschen mit mir. Denn manchmal passiert ja auch Unerwartetes, und dann bin ich gefragt mit meiner Kraft, meiner Aufmerksamkeit und meiner Liebe.

So ging es Jesus einmal, als er wieder eine Pause nötig hatte: „Freunde, wir fahren mit dem Boot über den See.“ Denn, eine Seefahrt, die ist lustig. Nein, das war nicht der Grund. Sondern Jesus hoffte, am anderen Seeufer Ruhe zu finden. Doch er hatte nicht mit den Menschen gerechnet. Sie haben es mitbekommen und sind schnell um den See herumgelaufen und waren sogar vor Jesus da. (Die Bibel ist wirklich ein Buch voll feinem Humor.) Als Jesus am Ufer ankam, war die Überraschung groß, und zugleich war sein Herz weit. Er hat den Wellness-Nachmittag verschoben und war für die Menschen da – und das waren laut Bibel 5000 Mann und noch viel mehr Frauen und Kinder. Jesus hat ihnen von Gott und einem guten Leben erzählt – bis es Abend war. Bis seine Freunde sagten: „Pause bitte! Es ist spät. Schick die Leute nachhause. Sie sind hungrig.“ Doch Jesus schlug eine gemeinsame Pause vor, und ein besonderes Pausenbrot für die Riesenmenge an Leuten. Wie das aussah und wie die Geschichte ausging, mehr dazu am Montagabend in unserem Kirchentags-Hochschulgottesdienst als Livestream oder in den nächsten Tagen als YouTube-Video nachzuschauen und mitzufeiern über unsere Homepage www.esg-khg.de .

Und für jetzt: Vergesst die Pause nicht, auch die Pause vom Smartphone. So wie es Ranga Yogeshwar in seinem Buch schreibt:
Maschinen sind kalt und verstehen nichts von Träumen, Wahrheit, Schönheit oder Liebe.“

Euch eine gute Woche mit genügend Pausen und zugleich Offenheit für schöne Überraschungen.

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Die Glocke darf läuten, der Hahn darf krähen! Basta!    (Joachim, 03.05.21)

Ob Eselsgeschrei, Glockenläuten oder Kuhmist: Seit Januar schützt Frankreich sein ländliches Kulturerbe per Gesetz und weist die Klagen zugezogener Städter gegen „Lärm und Gestank“ in die Schranken. (Vielleicht habt Ihr darüber gelesen oder davon gehört)

Als ich diese Nachricht hörte, musste ich nicht nur lachen, nein ich freute mich richtig darüber und dachte: Ja die Franzosen, die wissen was Kultur ist und sie wissen sie zu schätzen und zu schützen. (Bei uns Deutschen habe ich da ein weniger gutes Gefühl). Und es erinnerte mich gleich an manche Urlaube meiner Kindheit und Jugend. Einmal hatten wir unser „Fremdenzimmer“, wie das damals hieß, in einem Dorf im Bregenzer Wald ziemlich nah bei der Kirche. Zum Fenster schaute man genau auf den Kirchturm. Alle Viertelstunde schlug die Turmuhr – auch in der Nacht! Anfangs noch gewöhnungsbedürftig, doch dann gehörte es einfach dazu.
Das Schlagen der Stunde, das Läuten zum Gebet am Morgen, das Läuten zum Gottesdienst, das Läuten zum Mittag, das Abendläuten und dann das Läuten zur Todesstunde Jesu um 15 Uhr oder der Klang der Hochzeitglocken und auch das Totenläuten zu einer Trauerfeier und Beerdigung – immer lädt die Glocke ein zum Innehalten, zum Mitbeten und zum Anteil nehmen an den Freuden und der Trauer der Menschen, an ihren Hoffnungen und Sorgen und Ängsten. Immer wenn ich eine Kirchenglocke höre, klingt in mir eine solche Verbundenheit und ich weiß ich bin nicht allein. Und ihr Geläut verbindet mich mit denen, die ihren Klang schon Jahrzehnte oder gar Jahrhunderte vor mir gehört und die Botschaft der Glocken vernommen haben: Erhebet die Herzen!

Die Franzosen haben erkannt, welch ein Schatz auf dem Land sie haben, ob Hahn oder Esel, ob Kuhmist oder Glocke1, sie dürfen sein, sie sollen sein.
Aktuell gibt es ein Projekt „Glocken-Finder“: ein Onlineangebot, um nicht nur die Glocken „in meinem Dorf/Stadtteil“ online zu hören, sondern auch wertvolle Informationen über dieses Kulturgut bereit zu stellen. V.a. Jugendliche tragen Klänge und Informationen zu den Glocken ihrer Heimat in diesem ECHY-Projekt2 zusammen (https://createsoundscape.de)

Eines der schönsten Glockenlieder, das ich kenne (im Zeltlager einst haben wir es abends am Lagerfeuer gesungen), ist: „Die Glocken von Haarlem“. Leider habe ich keine Noten und keine Autorenquelle gefunden und auch eine (andere) Liedfassung auf youtube kommt leider nicht sehr gelungen rüber. Aber den Text des Kanons schreibe ich Euch gerne auf.

Die Glocken von Haarlem, wie schön ist doch ihr Klang:
Dang-dingel-lingel-dong, dang-dingel-lingel-dong, dang-dingel-lingel-dong, ding, dang.
Behäbig aus dem bunten Chor tönt dumpf ein schwerer Bass hervor:
Bi-im, bam, bi-im, bam, bi-im, bam, vor.
Bis über die Felder dringt der Glockenschall hinaus
und klingt la-angsam, la-angsam aus.

1 Die Glocke ist eines der ältesten Instrumente der Menschheit überhaupt. Ab dem 15. Jh v. Chr haben Glocken in China geläutet bei Staatszeremonien und religiösen Ritualen. Die ägyptischen Glocken läuteten ab dem 9. Jh v. Chr. Eine aus Ägypten stammende Handglocke bei den frühchristlichen Mönchen diente im Gottesdienst. Im 8. Jh n. Chr. gibt es dann (in Europa) Berichte von sogenannten „Glockentaufen“, also von größeren, stationären Glocken.

2 European Year of Cultural Heritage (ECHY 2018)

Was habt Ihr für „Glockenerfahrungen“? Oder gibt es ein Glockengeläut, das in Euch besonders (nach-)klingt?
Wenn Ihr Zeit habt, dürft Ihr uns gerne schreiben.

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Schöpferische Minderheit    (Stephan, 26.04.21)

„mehr“ ist immer gut: mehr Punkte in der Klausur, mehr Geld auf dem Konto, mehr freie Tage (wie jetzt bald im Mai). „weniger“ ist manchmal auch nicht schlecht: weniger Kilos auf den Hüften, weniger hohe Inzidenzzahlen, weniger Stress. Aber „mehr“ ist doch eigentlich gut. Deshalb hieß es jetzt am Samstag „mehr Gott wagen“. Es war der Titel der Zukunftswerkstatt der ev. und kath. Kirchen im Landkreis Ludwigsburg. „Mehr“ hatte sich erfüllt, denn mehr als 100 hatten sich zugeschaltet. Aber sonst war „mehr“ ein gewagtes Motto, wo es doch in den Kirchen immer weniger wird: weniger Mitglieder, weniger Finanzen, weniger Personal. Und auch ansonsten gibt es gerade wegen Corona von Vielem weniger: weniger Kontakte, weniger Freiheiten, weniger Kultur …

Die Zukunftswerkstatt am Samstag hätte ein Jammer-Vormittag werden können, klagen über das immer weniger. Doch es kam anders: In Impulsvorträgen, Arbeitsgruppen und Podiumsdiskussionen wurden zukunftsweisende Ideen und motivierende Gedanken ausgetauscht. Eine Wortkreation hat mir besonders gut gefallen hat: „schöpferische Minderheit“. Wenn es weniger wird, muss es nicht den Bach hinuntergehen. Es kann Kreativität sprudeln und gegen den Strom Neues entstehen, auch in schöpferischen Minderheiten.

„schöpferisch“ erinnert an die Schöpfung am Anfang der Bibel. Da gab es weniger als wenig, einfach nichts. Gott hätte sagen könne „Viel zu wenig. Hat keinen Zweck!“ Aber er hat in seiner Schöpfungswerkstatt eins nach dem anderen geschaffen: Vom Licht bis zum Menschen ist es immer mehr geworden. Aber die Menge hat gar nicht gezählt. Am Ende der Tage hieß es nicht: 100.000 Lux Licht für den 1. Tag, 500.000 Gänseblümchen am 3. Tag und 1 Million Ameisen am 6. Tag (nicht zu vergessen: 2 Menschen!). Nein, am Ende jeden Schöpfungswerks schaute es sich Gott an und sagte: „Es ist gut.“ Und am Ende, als alles da war, sogar „Es war sehr gut!“

Schöpferisch heißt erst einmal nicht Quantität, sondern Qualität. Und wenn die Qualität stimmt, dann kann auch das „seid fruchtbar und mehret euch“ dazukommen. Aber schwierig wird es, wenn es in unserer Welt nur noch um das Mehr geht, um Zahlen, Wachstum und Bilanzsteigerungen: in Wirtschaft und Politik, in Sport und Kirchen, in Arbeit und Freizeit. Ich finde es einen erfrischenden Gedanken: Auch weniger kann „sehr gut“ sein – schöpferische Minderheit! Im Wenigen nicht den Mangel sehen, sondern die Chance entdecken. Im Wenigen mir den Blick öffnen lassen für den Sinn des Lebens. Im Wenigen neu schöpferisch werden.

Mein 4. Semester als evangelischer Hochschulpfarrer hat nun begonnen. Seit anderthalb Jahren erlebe ich unsere Hochschulgemeinde als „schöpferische Minderheit“ im besten Sinne. Rund 10.000 junge Menschen studieren in Ludwigsburg, und bei uns in der Hochschulgemeinde sind… nicht alle 😊 Doch egal ob mehr oder weniger, ob regelmäßig oder ab und zu, bei uns können wir schöpferische Minderheit erleben, einen Ort, an dem immer wieder Neues entsteht – auch in diesen Zeiten: Zu unserem Taizé-Morgengebet kommen digital fast mehr zusammen als zuvor, da wir uns von überallher zusammenschalten können und auch frühere Studierende mit dabei sind. Letzte Woche haben wir unsere Mittagspause „20 nach bis 20 vor“ begonnen, und gleich beim ersten Mal war eine nette kleine Gruppe zusammen, um aufzuatmen und sich inspirieren zu lassen. Mal sehen, wie viele es am heutigen Montagabend beim 1. Teil unserer neuen Bibelreihe werden. Halt! Schon wieder falsch gedacht! Schön ist es, wenn viele kommen und das, was wir vorbereitet haben, miterleben. Aber wichtiger ist, dass die, die da sind, Gutes aus der Gemeinschaft schöpfen und mit neuen Impulsen in die nächsten Tage gehen.  

So wünsche ich Euch allen, ob zuhause am Bildschirm oder auch in Ludwigsburg die Kraft der schöpferischen Minderheit für eine gute Woche.

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Hoffnung, die nicht stirbt    (Joachim, 19.04.21)

Vielleicht erinnert sich der eine oder die andere von Euch noch an den Rundbrief im März, an die „Fragen, die kleben bleiben“ (hier weiter unten auch noch nachzulesen) und die Erzählung von Elie Wiesel, der als Kind bei einem seiner geistlichen Lehrer, einem Synagogendiener gelernt hat, was das Wesentliche in der Beziehung des Menschen zu Gott sei: Der Mensch erhebt sich zu Gott durch Fragen, die er ihm stellt. Und dabei lehrte er Elie das Geheimnis seines Betens: „Ich bete zu Gott, der in mir ist, dass er mir Kraft gebe, wahre Fragen zu stellen.“ Das nun möchte ich verbinden: Die Hoffnung und die wahren Fragen.

Ihr kennt sicher alle den Spruch, mit dem mancher auch in der Corona-Krise versucht, den Humor nicht ganz zu verlieren: „Die Hoffnung stirbt zuletzt!“ Und doch mussten schon manche die Hoffnung auf Besserung, die Hoffnung darauf, den Betrieb zu erhalten, die Hoffnung auf … ziehen lassen. So erst vor wenigen Tagen die Inhaberin eines kleinen traditionsreichen Geschäfts in Stuttgart. Es gab für sie keine Aussicht mehr, dass es weitergeht.

Der so schön daherkommende Spruch, die „Hoffnung stirbt zuletzt“ gründet – vorsichtig gesprochen – nicht sehr tief. Wer sich selbst seinen Hoffnungen stellt, wird spüren, wie glatt er doch an ihnen vorbeigeht. Und so erhebt sich Widerspruch. Einer, der einen solchen Widerspruch sehr pointiert formuliert, war der im Januar verstorbene österreichische Maler, Grafiker, Bühnenbildner, Sänger und Dichter Arik Brauer: „Die Hoffnung stirbt nicht zuletzt, sie stirbt überhaupt nicht, sie überlebt den Hoffenden!“

Diese Absage an den Allerweltspruch ist im Grunde gleichzeitig eine Frage, eine wahre Frage nach der Hoffnung. Und dieser Frage ist einst auch der schweizerische Schriftsteller Max Frisch intensiv nachgegangen. Von 1966-1971 hat er Fragebögen zu verschiedenen Themen verfasst und mit dem IV. Fragebogen befragt er den Leser nach der Hoffnung. Es sind 25 eindringliche Fragen, wie z.B. die neunte Frage: „Können Sie ohne Hoffnung denken?“

Die unausweichlichste dieser Fragen zeigt denn auch, wie platt der schöne Allerweltspruch von der Hoffnung, die angeblich zuletzt stürbe, daherkommt. Die unausweichlichste aller Hoffnungsfragen, und die wiederum ist eine echte Frage, die in mir „kleben geblieben ist“, folgt als 25ste ganz zum Schluss:

Wenn Sie einen Toten sehen, welcher seiner Hoffnungen kommen ihnen belanglos vor:
die unerfüllten oder die erfüllten?

Und der Synagogendiener sprach zu seinem jungen Freund Elie Wiesel: Ich bete zu Gott, der in mir ist, dass er mir die Kraft gebe, wahre Fragen zu stellen.

Vielleicht weckt all das in Euch Gedanken, Fragen und die Lust, Euch auf unser Sommersemestermotto einzulassen:

„Hoffnung ist die Fähigkeit, die Musik der Zukunft zu hören;
Glaube ist der Mut, in der Gegenwart danach zu tanzen.“
      Peter Kuznic, kroatischer Theologe

Wir wünschen Euch, dass trotz allem, was uns gerade so sehr fehlt und andererseits so sehr auf der Seele brennt und auf den Geist geht, wir wünschen Euch, dass die Hoffnung bei Euch bleibt und in diesem Semester Euch begleitet, so wie es in einem Taizé-Lied besungen ist:
Spiritus Jesu Christi, Spiritus caritatis confirmet cor tuum!
Der Geist Jesu Christi, der Geist der Liebe stärke dich im Herzen!

Eine gutes und an Hoffnung reiches Sommersemester!

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LOL mit Ostern    (Stephan, 12.04.21)

LOL ist das Kürzel für „Laughing Out Loud“. Derzeit heißt LOL noch etwas anderes: „Last One Laughing“ ist eine aktuelle Serie, in der lustige Menschen wie Anke Engelke, Barbara Schöneberger oder Wigald Boning unbedingt ernst bleiben müssen. Denn wer lacht, fliegt raus. Und wer zuletzt lacht, gewinnt das Preisgeld für einen guten Zweck. Diese Woche endet die erste Staffel auf einem Streamingdienst. „Last One Laughing“ ist witzig und gemein zugleich. Denn nicht zu lachen, wenn etwas Lustiges passiert, ist so schwer.

Gott sei Dank sind wir nicht in der Comedy-Serie, sondern können aus vollem Halse und tiefstem Herzen lachen, so oft und laut wir wollen. Naja, immer lachen geht auch nicht – in Corona-Zeiten schon zweimal nicht. Aber, vergesst das Lachen auf keinen Fall - sonst sterbt ihr früher! Ist kein Witz, sondern wissenschaftlich erwiesen: Lachen aktiviert mehr als 100 Muskeln, das Immunsystem wird angeregt, der Stoffwechsel erhöht und Schmerzen gelindert. Und wer viel lacht, glückliche Menschen leben im Durchschnitt rund 10 Jahre länger als unglückliche. Auch wenn manches im Leben traurig ist, nehmt euch die Kinder als Vorbild, frei nach Jesus „werdet wie die Kinder“: Kleine Kinder lachen 400-mal am Tag, Erwachsene nur 15-mal. Also, da muss doch auch für uns Große mehr drin sein – allein um der Gesundheit willen.

Es gibt keinen besseren Zeitpunkt für das Lachen als jetzt. Wieso? Weil Osterzeit ist! Ostern ist das bunteste und fröhlichste Fest. Denn mit Ostern hat der Tod verloren, das Leben hat gewonnen. Der Tod hat nicht mit der Liebe Gottes gerechnet, die über uns das letzte Wort spricht. Nur 3 Tage tot, wenn das kein Grund zum Lachen ist! Hier ein netter, kleiner Osterwitz dazu:
Nach der Kreuzigung Jesu kommt Nikodemus zu Josef von Arimathäa und bittet ihn, sein Grab für Jesus zur Verfügung zu stellen. Doch dieser findet eine Ausrede: „Das geht nicht. Ich brauche das Grab für mich und meine Familie.“ Darauf Nikodemus: „Stell dich nicht so an - ist doch nur übers Wochenende!“

Lachen über den Tod, geht das? Ist das nicht eine viel zu todernste Sache?
Natürlich ist das Osterlachen ein Trotzdem-Lachen: Wir alle müssen eines Tages sterben. Und auch das Leben hier und jetzt ist nicht immer zum Lachen. Doch Ostern ist der Anfang: Aus dem Osterglauben heraus trotzdem lachen, mitten im grau-trüben Alltag – bis es sich ausbreitet.

Wer zuletzt lacht, lacht am besten. Seit Ostern ist der Tod nur noch der, der als vorletzter lacht. LOL - „Last One Laughing“, das ist Gott und dem Leben vorbehalten. Unser Vertrauen in den Gott des Lebens, wie könnten wir es besser ausdrücken als durch ein Lachen!  

Und wenn es schwerfällt, vielleicht hilft noch ein Witz vom feinen Humor Gottes. So zumindest hat es der fromme Mann erlebt, der sich in einem Gebet an Gott wendet:
„Guter Gott, in Psalm 90 lese ich: Tausend Jahre sind vor dir wie der Tag, der gestern war. Könnte man sagen, dass für dich tausend Jahre so viel sind wie eine Minute?“ „Ja, das stimmt!“, antwortet Gott dem betenden Mann. „Und könnte man sagen, dass für dich eine Million Euro so viel sind wie ein Cent?“ „Ja, mein Freund, so ist es.“ Daraufhin der fromme Mann: „Ach, lieber Gott, ich bitte dich: Schenke mir doch einen Cent!“ „Gern“, antwortet Gott dem Betenden: „Warte nur mal eine Minute.“

Nicht nur eine Minute sondern eine Woche voller Lachens wünsche ich Euch. Und allen, bei denen das Sommersemester nun beginnt, einen guten Start.

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Palmsonntag und Unkrauttag    (Stephan, 29.03.21)

gestern war ein besonderer Tag – in doppeltem Sinn: Es war Palmsonntag und Tag des Unkrauts!

Palmsonntag – kennen wir: Wer von euch war in der Familie oder WG gestern der längstschlafende Palmesel? Nette kleine Tradition, die eigentlich an Jesu Einzug in Jerusalem auf dem Esel erinnert, inmitten der palmwedelschwenkenden und jubelnden Menschenmenge. Gerade ist mir und vielen nicht so himmelhochjauchzend zumute. „Osterruhe“ - verordnet und zurückgenommen. Ostergottesdienste in Kirchen – nein und dann doch. Und der zweite Corona-Frühling – eher karfreitagsdüstere Aussichten oder osterfröhliche Hoffnung?

Und dann der Ehrentag des Unkrauts – habe ich dieses Jahr zum ersten Mal gehört. Es gibt ihn aber schon seit 2003, als US-amerikanische Garten-Blogger den 28. März zum Weed Appreciation Day auslobten. Und so warte ich nun gespannt, ob “unser“ kleiner Löwenzahn auch dieses Jahr genügend Kraft entwickelt und sich durch den Asphalt vor unserem Haus hervorkämpft. 

Palmsonntag und Unkrauttag – passt eigentlich gut zusammen, in diesem Jahr gleich doppelt: Jubeln - oder zumindest fröhlich bleiben - trotz immer noch unsicherer Aussichten. Und Widerstandskraft sammeln gegen alle asphaltschweren Ermüdungserscheinungen. Widerstandskräftig fröhlich bleiben, das ist dieses Jahr meine Osterhoffnung.

Widerstandskräftig fröhlich bleiben, dazu habe ich vor kurzem einen schönen Podcast gehört. Vielleicht kennt ihr die Reihe „Das Coronavirus-Update“. Normalerweise sind es wöchentliche wissenschaftliche Erörterungen mit dem*r Virolog*in Sandra Ciesek und Christian Drosten. Vor kurzem kam die Sonderfolge „Ein Jahr Pandemie – was hat euch Mut gemacht?“ - eine Collage von Erlebnissen vieler Menschen. Die haben mich sehr angerührt. Hier ein paar „Stimmen“ der knapp halbstündigen Mutmachgeschichten:

- Wir haben einen kleinen Sohn, der wird demnächst 3. Den haben wir seit einem Jahr nicht mehr in die KiTa geschickt. Dadurch haben mein Söhnchen und ich jetzt ganz Berlin erkundet. Da gab es das Lächeln und viele Knuddler von dem Kleinen, der das immer alles sehr cool fand.

- Was hat mich durch die Zeit gebracht? Ich habe sehr viel online gelacht und online getanzt.

- Ich bin sehr viel spazieren gegangen. Noch nie war ich so viel an der frischen Luft.

- Ich habe mir einen langersehnten Wunsch erfüllt und habe noch einmal studiert.

- Ich fing an Fotos und Karikaturen aus der Zeitung zu sammeln. Was es nicht alles zu sehen gibt: Die ersten selbstgenähten Masken, ausgeräumte Regale im Supermarkt, leere Fußgängerzonen und Autobahnen, mit Flatterband abgesperrte Spielplätze, Autokinos, Treckerdiscos…

- Ich bin leidenschaftlicher Brettspieler. In der Zeit hatte ich die Idee, dass man zu meinem Lieblingsspiel eine App entwickeln könnte. Und die ist sogar in die Spiele-Stores gekommen.

- Für mich war Corona eigentlich ein Segen. Meine Frau war schwer krank. Seit letzten März war ich durchgehend im Homeoffice. Sie ist Anfang Januar gestorben, aber ich bin so dankbar für all die Zeit, die wir noch miteinander hatten. Das wäre ohne das Virus nicht passiert.

- Ich spiele Bratsche und habe mir eine Musikbearbeitungs-Software gegönnt. Und jetzt spiele ich mit aufgedrehter Musikanlage die schönsten Konzerte in dem Tempo, das ich mithalten kann.

- Ich hänge von mir gemachte Bilder gerahmt in der Stadt auf und jeder darf sie mitnehmen, als Geschenk, mit dem ich den Leuten eine Freude machen möchte in dieser Zeit.

- Jeder Mensch, der für andere etwas Gutes getan hat, hat mich ermutigt.  

Ein Jahr Pandemie – was hat euch Mut gemacht? Wenn ihr mögt, schreibt mir eure Geschichte oder Gedanken. Ich freue mich darüber.
Widerstandskräftig fröhlich bleiben, das ist dieses Jahr meine Osterhoffnung. Und denkt daran: Ostern ist nicht nur eine Woche nach dem Palmsonntag und Unkraut-Ehrentag, sondern eigentlich das ganze Jahr, zumindest was die Hoffnung betrifft. Die Hoffnung nicht zu verlieren, das trägt uns durch alle Zeiten, die erdenschweren und die himmelhochjauchzenden Tage.

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"O Herr, das ist schon lange her" - Fernsehgottesdienst    (Joachim, 22.03.21)

Bei dieser Überschrift „Fernsehgottesdienst“ verspüren manche womöglich den Impuls „langweilig“, „altbacken“ oder „Was geht mich das an?“
Das Fernsehen ist in Eurer Generation nicht mehr das Leitmedium. Netflix und & Co haben das Fernsehen bei jungen Leuten abgelöst. Und dann auch noch Gottesdienst im Fernsehen; das kann ja nur was für die Alten sein, die sehr alten, die noch nicht mal mehr in die Kirche gehen können. Letzteres habe ich bis vor ziemlich genau einem Jahr auch gedacht. Fernsehgottesdienst war etwas Gutes für meinen Vater im Altenheim.

Doch dann kamen Corona und Lockdown und was nun? Ja, und da haben auch wir, meine Frau und ich, begonnen Fernsehgottesdienste anzuschauen und diese „Krücke“ benützt, um irgendwie Teil der Gemeinschaft zu sein, die Gottesdienst feiert. Und was soll ich sagen: Wir waren – diejenigen Male, die wir teilgenommen haben – nicht enttäuscht. Es gab professionelle oder halbprofessionelle Musiker, Scholae und Ensembles mit anspruchsvollen Arrangements und neuen bzw. mir unbekannten Liedern, die Ansprache meist kurz und kurzweilig, ernste Gedanken und Gebete, … Und so fühlten wir uns über diese „Krücke“ und zugleich die Brücke Fern-Sehen am Sonntagmorgen doch hineingenommen in die Feier des Gottesdienstes.

Und: Wir lernten neue bzw. für uns neue Lieder kennen. Und dies zuletzt am Sonntag vor einer Woche, am 14. März. Der Gottesdienst wurde aus der Frauenfriedenskirche in Frankfurt übertragen mit Bischof Bätzing, dem neuen Vorsitzenden der deutschen kath. Bischöfe. Und als Musiker saß am Klavier Christos Theel, der Chorleiter der KHG-Frankfurt. Sein Vokalensemble sang das Lied, das er zu einem Gedicht und Gebet von Lothar Zenetti komponiert hatte. Leider gibt es dieses Lied noch nirgends veröffentlicht, wie ich von ihm erfahren habe. Aber für Euch habe ich auf jeden Fall den Text des Gebetes als geistlichen Impuls für diesen Tag und für diese Woche, der letzten vor der Kar- bzw. Passionswoche. Und wenn Ihr das Lied hören möchtet, dann könnt Ihr es nachschauen und nachhören unter:

https://www.zdf.de/gesellschaft/gottesdienste   Das Lied findet Ihr ab Minute 37:54

O Herr, das ist so lange her   von Lothar Zenetti

O Herr, das ist so lange her
was damals ist geschehen
uns fällt das Glauben heute schwer
Herr, lass dein Reich uns sehen

O Herr, das ist so lange her
daß Himmel standen offen
die Zuversicht fällt uns so schwer
Herr, hilf uns auf dich hoffen

O Herr, das ist so lange her
daß man dich konnte schauen
uns fällt das Beten heute schwer
Herr, hilf uns dir vertrauen

O Herr, das ist so lange her
daß du dein Kreuz getragen
das Konsequentsein fällt uns schwer
Hilf uns, es doch zu wagen

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"Die vielen Kreuzchen und das eine Kreuz   (Stephan, 15.03.21)

Millionen Kreuzchen gab es gestern bei der Landtagswahl. Im Wahllokal oder auf Wahlbriefen haben sie die Weichen gestellt für die politische Zukunft in Baden-Württemberg (und in Rheinland-Pfalz). Manches bleibt gleich: Der alte und neue Ministerpräsident von Ba-Wü. wird Winfried Kretschmann heißen. Manches wird anders: Den Ludwigsburger Wahlkreis vertritt zukünftig Silke Gericke, ebenfalls von den Grünen.

Zwei kleine Striche, Kreuze symbolisieren unsere repräsentative, parlamentarische Demokratie. 

Ein Kreuz, zwei Striche, nicht schräg sondern gerade, das ist Symbol des christlichen Glaubens. Unübersehbar finden wir es im Altarraum der meisten Kirchen. Manche tragen es als Kette um den Hals. Auf der neuen BasisBibel prangt es weiß vor knallig-farbigem Hintergrund. Unter dem Kreuz wurde über Jahrtausende hinweg viel Gutes, aber auch Leid in die Welt gebracht.

Viele bemerken es kaum mehr im Alltag. Manche wollen es am liebsten auslöschen. Andere finden es gut. Von einem Werbegrafiker habe ich mal gehört: „Ihr Christen habt ein richtig gutes Logo. Schnell mit zwei Strichen gezeichnet. Klar und sofort wiedererkennbar. Voller Inhalt und absolut positiv. Alle, die irgendwo ihre Zustimmung geben, machen ein Kreuz.“ So habe ich es noch nicht gesehen. Das Kreuz als Zeichen der Zustimmung, und das nicht nur bei Wahlen, sondern auch im christlichen Glauben. Da ist etwas dran, denn genauer betrachtet, steht hinter dem Kreuz tatsächlich ein großes „Ja“.

Zuerst war das Kreuz eines der grausamsten Folter- und Mordinstrumente der Römer. Tausende haben sie am Kreuz hingerichtet. Einer davon war Jesus. Daran erinnern wir uns besonders vor Ostern. Jetzt in der Passionszeit denken wir an das Leiden Jesu (und vieler anderer). Doch der Tod hatte nicht das letzte Wort. Es folgte die Auferstehung Jesu zu neuem Leben. So wurde das Kreuz für Christen und Christinnen zum Lebenssymbol: Wenn wir meinen, es ginge nicht mehr weiter, dann hat Gott immer noch eine Möglichkeit – selbst im Tod.

Das Kreuz als Zeichen von Möglichkeiten, dahinter steckt Leben in zwei Strichen. Ein Strich von oben nach unten, der Längsstrich steht für die Verbindung von Himmel und Erde. Gottes himmlischer Segen behütet mich. Er kommt mir aus dem Himmel ganz nah. Im Menschen Jesus hat er sich uns zur Seite gestellt und stärkt uns den Rücken. Und wir können auf Gott vertrauen, zu ihm beten, himmlisches Glück auf Erden erleben. Und der andere Strich, die Querrichtung lenkt meinen Blick zur Seite, auf die Menschen neben mir und die Welt um mich herum. Wir sind eine große Gemeinschaft. Gemeinsam können wir feiern und uns freuen, uns helfen und aufeinander aufpassen, und miteinander unsere Zukunft gestalten. Ein Kreuz mit spirituellem Längsstrich und gemeinschaftlichem Querstrich – wenn das nicht Leben pur ist!

Die zwei berühmtesten Striche der Welt sind Zeichen der Verbindung mit Gott und unter uns Menschen. Vielleicht denkt ihr daran, wenn ihr wieder ein Kreuz seht oder ein Kreuzchen macht, sei es bei Wahlen oder auf einem Formular, sei es aus Langeweile auf einem leeren Blatt oder bewusst als Zeichen: Auch wenn ich jetzt nicht sehe, wohin, es geht weiter!

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"Fragen, die (kleben) bleiben   (Joachim, 08.03.21)

Nach der Semesterpause starten wir mit unserem ersten Wochengedanken mitten in der Fastenzeit. Damit meine ich nicht nur die uns von Corona auferlegte „Zwangsfastenzeit“. Klassisch ausgedrückt sollen die 40 Tage Fastenzeit vor Ostern die Menschen zur „Umkehr“ bzw. „Buße“ anleiten. Das klingt ziemlich fromm und vielleicht auch verstaubt, obwohl es das keinesfalls sein muss.

Doch MEINE FRAGE an Euch will etwas anderes sein. Und dazu gehe ich zuerst auf das zugrundeliegende Wort der „Umkehr/Buße“ ein: Metanoia; im klassischen Griechisch meint es von der Wortbedeutung her: Ändern des Geistes, Ändern des Sinnes. (Wozu eine Fastenzeit anleiten will). Was nun bewirkt bei uns Menschen eine Sinnesänderung? Was hilft, eine andere Geisteshaltung einzunehmen?
Nach meiner Erfahrung sind es u.a. auch Fragen, echte Fragen, solche die man nicht einfach beantworten und dann abhaken kann. Nein ganz im Gegenteil: Es sind Fragen, die bleiben – die in einem „kleben“ bleiben.
Zu dem, was eine solche Frage bedeuten kann, nun erst einmal ein kleine Geschichte, wie ich sie vor kurzem gelesen habe. Und dann möchte ich Euch eine solche Frage geben, wie sie diese Geschichte meint. Es ist eine Frage, die mir geblieben ist, also in einem guten Sinne des Wortes in mir „kleben“ geblieben ist. Und sie möge Euch vielleicht eine eben solche werden und eine kleine Bereicherung des Geistes und Sinnes sein auch über die Fastenzeit hinaus.

Elie Wiesel erzählt in seinem autobiographischen Werk „Die Nacht“ von einer Freundschaft, die er als kleiner Junge in seinem Heimatstädtchen mit dem Synagogendiener Mosche hatte. Dieser hat den Zwölfjährigen beobachtet, wie er in der Abenddämmerung allein in der Synagoge betete.
„Warum weinst du beim Beten?“ fragte er, als kenne er mich seit langem.
„Ich weiß es nicht“, erwiderte ich verstört. Die Frage war mir nie gekommen. Ich weinte, weil …, weil etwas in mir weinen wollte. Ich konnte nichts dazu sagen.
„Warum betest du?“ fragte er mich eine Weile später. „Ich weiß es nicht“, antwortete ich noch verwirrter und befangener. „Ich weiß es wirklich nicht.“
Von diesem Tag an sah ich ihn häufig. Er versuchte mir eindringlich zu erklären, dass jede Frage eine Kraft besitzt, welche die Antwort nicht mehr enthält.
„Der Mensch erhebt sich zu Gott durch Fragen, die er an ihn stellt“, pflegte er immer wieder zu sagen. „Das ist die wahre Zwiesprache. Der Mensch fragt, und Gott antwortet. Aber man versteht seine Antworten nicht. Man kann sie nicht verstehen, denn sie kommen aus dem Grund der Seele und bleiben dort bis zum Tode. Die wahren Antworten, Elieser, findest du nur in dir.“
„Und warum betest du, Mosche?“ fragte ich ihn.
„Ich bete zu Gott, der in mir ist, dass er mir die Kraft gebe, ihm wahre Fragen zu stellen“.
Elie Wiesel, Die Nacht, zitiert aus Erich Zenger, Mit Gott ums Leben kämpfen, Freiburg i. Br. 2020
Elie Wiesel,1928 in Rumänien geboren, kam mit 16 Jahren ins Konzentrationslager Ausschwitz und dann nach Buchenwald. Er hat in Büchern seine Holocausterlebnisse verarbeitet. 1986 erhielt er den Friedensnobelpreis; im Jahr 2000 sprach er in der Gedenkstunde zum Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus im Deutschen Bundestag, † 2016 in New York

Und also nun „MEINE“ FRAGE!
Sie begegnete mir beim Lesen des Buches (damals ein Bestseller) „Nachtzug nach Lissabon“ von Pascal Mercier (erschienen 2004).
Mitten im Unterricht verlässt ein Lehrer seine Schule und macht sich von Bern auf den Weg nach Lissabon, um den Spuren eines geheimnisvollen Autors zu folgen. Es wird eine Reise zu sich selbst, ein wirkliches Abenteuer. Immer mehr Menschen lernt er kennen, die von diesem geheimnisvollen Autor beeindruckt sind.
Und mit den Menschen begegnet er Fragen, wahren Fragen.

Und v.a. diese eine davon ist mir geblieben und wird in mir bleiben, solange ich denken kann:
Wenn es so ist, daß wir nur einen kleinen Teil von dem leben können, was in uns ist - was geschieht mit dem Rest?
Diese Frage will ich Euch mitgeben!
Solltet Ihr irgendwann einmal eine Antwort finden, bedenkt: dann wird diese nicht mehr die Kraft der Frage in sich tragen. Doch vielleicht findet ja gar nicht Ihr die Antwort, sondern die Antwort Euch. Was wird dann mit der Frage werden?

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"Himmelreich to go   (Stephan, 08.02.21)

Noch diese Woche, dann endet das Wintersemester. Wenn die Prüfungen geschafft sind, gibt es für viele auch Semesterferien. Für andere sind kommende Woche Faschingsferien.

Früher haben wir in den Faschingsferien oft im Hochschwarzwald Urlaub gemacht, mit Schnee und strahlendem Sonnenschein, herrlich zum Ski- oder Schlittenfahren, zum Schneewandern oder einfach Genießen. Einmal als es keinen Schnee gab, sind wir als Familie mit der Bahn von Freiburg nach Titisee gefahren. Die Strecke führt durchs Höllental, und daher hat die Bahn ihren Namen: Höllentalbahn. Fährt man die Strecke rückwärts von Titisee nach Freiburg, dann erwartet einen am Ende der Schlucht der Bahnhof und das Gasthaus „Himmelreich“. Kurz vor Einfahrt in den Bahnhof erklang es durch die Zuglautsprecher: „Höllentalbahn – nächster Halt Himmelreich.“ Das war die schönste Zugdurchsage, die ich jemals in meinem Leben gehört habe: Vom Höllental direkt ins Himmelreich, das hatte etwas biblisch-christlich Hoffnungsvolles. Ich musste schmunzeln und wäre am liebsten gleich ausgestiegen im „Himmelreich“.

Früher, als es durchs Höllental noch keine doppelspurig ausgebaute Straße und Tunnels gab, waren Reisende sicher gottfroh, wenn sie die gefährliche Schlucht verlassen konnten. Und wenn dann ein Krug Bier und ein gutes Vesper vor ihnen stand – dann war das wohl wie im Paradies. Wir haben auch einmal im „Himmelreich“ gespeist, es ist eines der ersten inklusiven Hotels und Restaurants in Deutschland. Der Service und das Essen, sie waren tatsächlich „himmlisch“ gut. 

Vor Kurzem habe ich gehört, dass das Gasthaus „Himmelreich“ wegen Corona geschlossen hat, aber wie andere Restaurants Speisen zum Mitnehmen anbietet. Dort machen sie es auf einem Schild und ihrer Homepage bekannt unter dem netten Slogan: „Himmelreich to go“. Das hat mir gut gefallen: Nicht nur am „Himmelreich“ aussteigen, sondern das „Himmelreich“ sogar mitnehmen. Zwar nicht als Gericht aber als Gedanke nehme ich es gerne mit in die Semesterferien und in die außergewöhnlichen Zeiten momentan.

„Himmelreich to go“ erinnert mich an Jesus, wie er oft vom Himmelreich gesprochen hat. Einerseits hat er mit Himmelreich das ewige Leben bei Gott gemeint. Und das wird so lecker und fröhlich sein wie ein Festmahl, so lesen wir es nicht nur bei Jesus, sondern an vielen Stellen der Bibel. Andererseits war es Jesus wichtig, dass das Himmelreich nicht nur ein Trost für „ewige Zeiten“ ist, sondern dass es schon mitten unter uns angebrochen und erlebbar ist; in einem Glücksmoment, einer guten Begegnung oder Hilfe in der Not. Und umso mehr wir das Himmelreich sehen lernen und helfen, daran mitzubauen, mitten im Alltag, egal wo wir gerade studieren oder ausruhen, Hoffnung erleben oder anderen unter die Arme greifen, umso heller kann das Himmelreich hier aufstrahlen. Dann ist das ein bisschen wie ein Festmahl im Himmelreich oder „Himmelreich to go“.

Ein anderes Motto des Gasthauses Himmelreich schon vor Corona lautete „Munterwegs im Himmelreich“. Und das wünsche ich Euch für die kommenden Wochen, für Prüfungen, Faschings- und Semesterferien: Seid „munterwegs im Himmelreich“, hier und jetzt.

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"Blasiussegen   (Joachim, 01.02.21)

Heute mal was Katholisches: der Blasiussegen

Wenn ich an meine Kindertage denke, erinnere ich mich gerne an eine kirchliche Besonderheit, an jenen Tag im Februar, an dem man am Ende des Gottesdienstes den Blasiussegen empfing – jeder für sich. Man ging nach vorne, stand dann einzeln da, schaute zwischen zwei überkreuzt gehaltene brennende Kerzen hindurch, dahinter der Pfarrer, der mit dem Kreuzzeichen den Blasiussegen zusprach. Auch heute ist es für mich noch immer ein besonderer Moment, wenn ich diesen ganz individuell zugesprochenen Segen empfange oder ihn auch selber zusprechen darf.Blasiussegen

Hinter diesem Segen steckt eine alte Legende um den Bischof Blasius von Sebaste in Armenien, der Ende des 3./Anfang des 4. Jh. lebte. Nach grausamer Folter soll er um 316 enthauptet worden sein. Der Legende nach eilte eine Mutter mit ihrem Sohn in den Armen zum Kerker. Sie bat den dort einsitzenden Arzt und Bischof Blasius um Heilung des Jungen, denn er hatte eine Fischgräte verschluckt und drohte zu ersticken. Durch Gebet und sein Eingreifen wurde der Junge wieder gesund.

Und so ist mit dem Segen bis heute die Bitte um Gesundheit und Heil verbunden. Nun kann man sich beim ersten Blick auf diesen „Gesundheitssegen“ des Verdachtes einer Magie oder eines religiösen Zauberns vielleicht nicht ganz entledigen. Als Kind war das für mich wohl so oder so ähnlich wie ein Zauber. Etwas Geheimnisvolles hat es ja an sich, wenn man in zwei brennende Kerzen schaut, die einem direkt vor das Angesicht gehalten werden. Aber Blasius war kein Zauberer und der Segen macht weder den Arzt noch die Krankenkasse überflüssig. Doch es wird deutlich, es wird sichtbar, dass Gottes Segen und sein Heil mich als ganzen Menschen meinen, mit Leib und Seele. Der Blasiussegen sagt es mir ganz direkt und ganz persönlich im Licht der Kerzen zu, dass mein Leben mir ein Geschenk ist auch dann, wenn Krankheit oder Altersbeschwerden mich beeinträchtigen und belasten. Und aus dem Licht der Kerzen, in das wir beim Empfang des Segens schauen, spricht der Psalm 27 unmittelbar zu mir:

Der Herr ist mein Licht
und mein Heil:
Vor wem sollte ich mich fürchten!
Der Herr ist die Kraft
meines Lebens:
Vor wem sollte mir bangen?

Ganz wesentlich ist zu betonen – v.a. wenn man mit dieser katholischen Tradition nicht vertraut ist: Der Segen, um den wir bitten, ist nicht der Segen des Blasius, der Segen ist Gottes Segen.

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"Friedenszeichen   (Stephan, 25.01.21)

Soll ich dich hier in aller Öffentlichkeit schlagen?“, ein Mann schreit eine Frau mit ihrem Kind im Kinderwagen an. Es war am vergangenen Donnerstag an einer Bushaltestelle beim Ludwigsburger Schloss. Der Mann brüllt so laut, dass es weit zu hören ist. Auch wir hören und sehen es, als wir mit den Fahrrädern vom Markt zurückfahren. Wir halten an, schauen genauer hin und nähern uns langsam. „Gehören Sie beide zusammen?“, fragt meine Frau. „Können wir helfen?“, frage ich. „Nein!“, schreit der Mann uns an, „Was geht es Sie an?!“ Wir versuchen beruhigend auf ihn einzureden. Ohne großen Erfolg. Nun kehrt sich seine Aggression gegen uns. Er schreit, beleidigt und bedroht uns lauthals. Und kommt uns immer näher, ohne Maske. Wir bitten ihn, Abstand zu halten. Doch er rückt uns immer mehr auf die Pelle. Wir ziehen uns langsam zurück, überlegen, was wir tun können. Inzwischen schreit der Mann nicht mehr. Bevor wir uns wieder auf den Heimweg machen, schaue ich nochmals zurück: Der Mann steht jetzt am anderen Ende der Bushaltestelle, ist ruhig und trägt eine Maske. Hat es geholfen, dass wir uns eingemischt haben? Oder liegt es daran, dass der Bus bald kommen würde?

Aufgewühlt fahren wir nachhause. Ich ärgere mich, dass ich klein beigegeben und ihm „das Feld überlassen“ habe. Ich bin froh, dass wir vielleicht doch die Situation entschärfen konnten und der Mann ruhiger wurde. Ich bin traurig und frage mich, was wohl bei dem Paar zuhause passieren wird. Heute ist es uns real nahegekommen, was man hört und liest, dass die Gewalt in Familien in den Zeiten des Lockdowns steigt. Ich erinnere mich an mein gewaltfreies Training von früher und wir überlegen, wie wir noch hätten reagieren können. Und ich muss zuhause an die Worte Jesu denken: „Selig sind die Frieden stiften, denn sie werden Gottes Kinder heißen.“

„Selig“, das griechische Wort „makarios“ kann auch mit „glücklich“ übersetzt werden. Glücklich fühlte ich mich an dem Donnerstag nicht. Und wieder einmal wurde mir bewusst, dass der Satz Jesu keine fromme Wohlfühl-Botschaft ist, auch wenn er noch so schön klingt. Schön und gut war es auch damals nicht, als ich mir mit 14 Jahren diesen Satz Jesu als Tauf- und Konfirmationsspruch gewählt habe, mitten im Kalten Krieg. Damals waren wir stolz, dass wir mit unseren Friedensaktionen und Ostermärschen mitgeholfen haben, dass die Atomwaffen in West und Ost reduziert wurden. Andererseits leben wir auch heute nicht in einer Welt, in der es keine Kriege, Not oder Gewalt gäbe, und weiterhin bedrohen uns zigtausende Atomwaffen. (Den UN-Atomwaffenverbotsvertrag, der am Freitag in Kraft trat, haben 51 Staaten unterzeichnet, aber alle Atommächte fehlen - und auch Deutschland.)

Nein, eine fromme Wohlfühl-Botschaft sind Jesu Worte vom Frieden stiften nicht - nicht in unserer Welt, nicht in unseren Familien, nicht am Donnerstag an der Bushaltestelle. Es sind Worte, die real und radikal mit dem Leben zu tun haben. Und das ist nicht immer leicht, sondern manchmal anstrengend, traurig, erschütternd und voller Fragen. Und doch würde ich es wieder tun: Hinschauen, hingehen, versuchen, die Aggression zu entschärfen. Ob es hilft? Ich weiß es nicht. Aber ich will zeigen, dass nicht alle wegschauen, dass es Menschen gibt, die andere Wege suchen, als die eigene Wut schreiend und drohend an anderen auszulassen. Vielleicht bringt es den einen oder anderen zum Nachdenken. Vielleicht stiftet es nicht den großen Frieden, aber gibt kleinen friedlichen Schritten eine Chance. Ich hoffe es.

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"Gute Vor-Sätze   (Stephan, 18.01.21)

Liebe Studentinnen und Studenten, liebe Freunde und Freundinnen der ESG-KHG,

zwei Wochen ist das Jahr 2021 jung (oder schon wieder alt - je nachdem). Gute Gelegenheit für eine kleine Zwischenbilanz: Wie sieht es mit Euren Neujahrsvorsätzen aus? Habt ihr welche gefasst, schon umgesetzt oder bereits gebrochen? Oder braucht es noch mehr Zeit, um die Vorsätze auf ihre Tauglichkeit zu prüfen?

Ich habe mir schon lange keine Neujahrsvorsätze mehr vorgenommen. Nicht, weil ich immer gescheitert bin, sondern weil mir in den letzten Sekunden vor Mitternacht an Silvester nichts einfiel, weil ich in den Tagen davor keinen Kopf dafür hatte und weil danach auch wieder anderes im Blick stand. Ich erlebe es eher so, dass im Laufe des Jahres sich immer wieder Ereignisse, Begegnungen und Überraschungen ergeben, die in mir dann gute Vorsätze, schöne Wünsche und neue Ziele wachrufen - die ich dann in die kommenden Wochen mitnehme.

Dieses Jahr sind mir kurz nach Neujahr Sätze eines anderen begegnet, die mich fasziniert haben. Geschrieben wurden sie im Winter 1980/81, 40 Jahre später im Winter 2020/21 habe ich sie gelesen. Es sind (Vor)Sätze aus dem dramatischen Gedicht „Über die Dörfer“ von Peter Handke, dem umstrittenen österreichischen Literaturnobelpreisträger von 2019. Abgesehen von seiner vielfach kritisierten Haltung zum Jugoslawienkrieg hat mich sein Gedicht fasziniert. Die Gedanken klingen in meinen Ohren wie etwas, das sich lohnt, in unsere weiterhin außergewöhnliche Zeit mitzunehmen. Vielleicht lasst ihr euch auch inspirieren für Euer 2021. Darum schreibe ich Euch zwei Absätze aus Peter Handkes Gedicht:

(…) Vermeide die Hintergedanken.
Verschweige nichts.
Sei weich und stark. (…)
Entscheide nur begeistert.
Scheitere ruhig.
Vor allem hab Zeit und nimm Umwege.
Laß dich ablenken, mach sozusagen Urlaub.
Überhör keinen Baum und kein Wasser.
Vergiß die Angehörigen, bestärke die Unbekannten,
bück dich nach Nebensachen,
weich aus in die Menschenleere, pfeif auf das Schicksalsdrama,
mißachte das Unglück, zerlach den Konflikt. (…)                                         
aus: Peter Handke: Über die Dörfer – dramatisches Gedicht, Suhrkamp Verlag, Frankfurt 1981.

12 Sätze habe ich ausgewählt (sozusagen „persönlich-selektive Gedichtinterpretation“). Ich nehme sie mit in mein 2021, für jeden Monat einen „Vor-Satz“. Ich beginne jetzt im Januar mit „Vermeide die Hintergedanken.“ Das ist gar nicht so einfach, aber lohnt sich, mich unvoreingenommen auf das Leben und meine Mitmenschen einzulassen. Nur wenn ich mir nicht vorher schon ein festes Bild von ihnen gemacht habe, kann ich Neues erleben - auch in diesem Jahr.

„Hintergedanken vermeiden“, damit will ich anfangen. Die anderen kommen danach - bis zum Zerlachen des Konflikts im Dezember. Damit schließt sich dann auf besondere Weise der Jahreskreis, der jetzt im Januar begonnen hat.
Euch allen eine gute dritte Januarwoche und ein fröhlich-„vor-sätzliches“ Jahr 2021.

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"Zum neuen Jahr   (Joachim, 11.01.21)

In Ihm sei´ s begonnen,
Der Monde und Sonnen
An blauen Gezelten
Des Himmels bewegt.
Du, Vater, du rate!
Lenke du und wende!
Herr, dir in die Hände
Sei Anfang und Ende,
Sei Alles gelegt!               Eduard Mörike, Stuttgart 1838

Mit Eduard Mörikes Kirchengesang zum Jahreswechsel grüßen wir Euch herzlich im Neuen Jahr!
Möge es allen ein gesegnetes sein, eines auf das Gott seine Hände legt und einem jedem von uns zusagt: Du gehörst trotz allem Gott! (etwas frei nach Dietrich Bonhoeffer).

Dieses Gedicht, dieses Gebet, dieses Lied Mörikes habe ich nicht zufällig ausgewählt, sondern ganz bewusst an den Anfang des Jahres gestellt und das nicht nur, weil es  von seinem Schöpfer her ja genau an diesen Anfang gehört, also zum neuen Jahr geschrieben ist, sondern weil es so viel an Glauben, Vertrauen, Zuversicht, ja an Theologie in ein paar Zeilen uns zusagt, uns zu sagen hat, wie ich zu diesem Anlass kein anderes kenne. Ich selbst nehme und bete es immer wieder gerade dann, wenn sich das Leben um ein Ende oder um einen Anfang dreht, sei es nun ein neues Jahr, ein neues Semester, einen Abschluss oder das Ende eines Lebens überhaupt.
Und so gebe ich es Euch zum Anfang dieses 2021 A.D. sehr gerne mit auf den Weg, also auf den Weg heinein in ein neues Jahr, von dem wir uns auf der ganzen Welt erhoffen, dass auch das Licht, das sich v.a. aufgrund von Impstoffen am Horizont abzeichnet, heller in unsere Krisenzeit scheint.

Als ich selbst noch Religionsunterricht erteilt habe, gehörte Mörikes Lied bei den Klassen 5 und 6 zu einem festen Bestandteil von vier bis fünf Gebeten, die ich den Schülerinnen und Schülern mit auf ihren Weg gegeben habe (ob sie es für sich mitgenommen und gepflegt haben, weiß ich natürlich nicht). Sie durften(!) es auswendig lernen (und natürlich mussten sie es auch); das klingt leider so schulisch-pflichtmäßig, doch so habe ich es nicht verstanden und sie deshalb immer auf die englische Vokabel hingewiesen, die die ursprüngliche Bedeutung des Aus-wendig-lernens deutlicher in sich trägt: learning by heart - wenn man dies ganz wörtlich nimmt: mit dem Herzen, aus dem Herzen heraus lernen. Und das reiche ich heute auch an Euch weiter: Lernt es mit dem Herzen memorieren und aus dem Herzen heraus sprechen und so in- und auswendig, dass es Euch sowohl im Kopf als auch im Herz begleiten mag - an jedem Anfang und zu jedem Ende. Auf ein gutes, erfüllendes 2021 A.D.

Hier noch das komplette Gedicht, der ganze Kirchengesang, wie ihn Mörike damals,1838 geschrieben hat:

Zum neuen Jahr.  Kirchengeſang.

Wie heimlicher Weiſe
Ein Engelein leiſe
Mit roſigen Füßen
Die Erde betritt:
So nahte der Morgen.
Jauchzt ihm, ihr Frommen,
Ein heilig Willkommen,
Ein heilig Willkommen!
Herz, jauchze du mit!

In Ihm ſey's begonnen,
Der Monde und Sonnen
An blauen Gezelten
Des Himmels bewegt.
Du, Vater, du rathe!
Lenke du und wende!
Herr, dir in die Hände
Sey Anfang und Ende,
Sey Alles gelegt!

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"Adventure   (Stephan, 21.12.20)

Dieser Advent ist abenteuerlich. Er fühlt sich für mich manchmal an wie eine Extrem-Bergtour. Wir haben uns vorbereitet (wie Rucksackpacken die Wohnung geschmückt), wir sind losgezogen (in Etappen von der 1. bis zur 4. Adventskerze), es ist anstrengend (immer wieder schlimme Corona-Nachrichten), es fehlen gewohnte Highlights unterwegs (wie Adventsfeiern), und jetzt eine Zwangspause (Lockdown seit ein paar Tagen und bis ins neue Jahr hinein).

So kurz vor dem Ziel fragen wir uns, wie wird Weihnachten sein, in unseren Familien, in unseren Kirchen, in unserem Gemüt? Können wir es wie auf einem Berggipfel genießen? Oder wird es trüb werden, die Aussicht wie von Wolken verdeckt?

In ein Abenteuer gehe ich voller Erwartungen. Ich bin gespannt, mein Puls beschleunigt sich, mein Herz, meine Sinne, meine Sehnsucht sind offen und weit. Bei einem Abenteuer muss ich Gewohntes verlassen; Ausgang ungewiss. So erlebe ich dieses Jahr auch den Advent. Es ist nicht wie „Alle Jahre wieder“, sondern immer wieder anders. Wir müssen uns viele Gedanken machen, flexibel bleiben, immer wieder umplanen und auf manches ganz verzichten. Unterwegs begegnete mir das englische Wort „Adventure“: Abenteuer und Advent – ein seltsames Paar! In diesem Jahr auf besondere Weise nah beieinander.

Ich muss an das erste Weihnachten denken – auch damals ein Abenteuer. Maria und Joseph nach langer Reise, weit weg von ihren Familien, ihr Kind geboren unter widrigen Umständen. Kurz danach Flucht, Umwege, viele Stationen auf dem Weg Jesu; immer wieder ungewisse Zukunft. Und doch kam in der Heiligen Nacht, der Geburtsnacht des Gotteskindes Freude auf, himmlische Freude auf Erden.

Das will ich mir zum Beispiel nehmen für unser Weihnachten. Gott hat den sicheren Himmel verlassen und kommt zur Welt, klein und zart in einem Baby. Gott hat das Abenteuer gewagt und kommt ganz bewusst in die Brüche und Unsicherheiten dieses Lebens, wie wir es auch in diesen Wochen erfahren. Gott geht das Abenteuer Mensch ein, um dir und mir nah zu sein - auch Weihnachten 2020. Es wird anders sein, wir werden „unter anderen Umständen“ feiern, aber es wird Weihnachten werden, Gott sei Dank.

In diesem Sinne wünsche ich Euch „frohe Weihnachten“, mitten im Abenteuer Leben,
und dann ein gesegnetes neues Jahr 2021, mit hoffentlich leichteren Abenteuern.

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"Viens, sois ma lumière, mon feu d´amour …   (Joachim, 14.12.20)

Es ist schon eine Weile her, als ich auf der Suche nach einem neueren Taizé-Lied für unsere Taizé-online-Andachten zufällig auf ein anders Lied gestoßen bin. Die Schola einer Klosterkirche sang dieses französische Lied – die Aufnahme stammte vom Dezember 2019, also im Advent vor einem Jahr und noch vor Corona. Der Gesang hat mich gleich in seinen Bann geschlagen, obwohl mein Französisch allenfalls dazu reichte, die grobe Spur des Liedes zu verstehen. Aber was ich an Worten verstanden habe zusammen mit dem, was ich vom Lied, Gesang und der Melodie mit "der Seele" aufgenommen habe, ließ mich dann nicht mehr los. Ich erkannte darin ein Adventslied: „Komm sei mein Licht, mein Feuer der Liebe“. Gerade jetzt im Advent rufen wir Jesus an als das Licht, auf dass er zu uns komme, unsere Liebe entzünde für die Menschen und die Welt; ganz im Sinne des Johannesevangeliums, in dem Jesus Christus uns zuspricht: „Ich bin das Licht der Welt, wer mir folgt, wird das Licht des Lebens haben!“ (Joh 8,12)
Dann habe ich weiter recherchiert, stieß dabei auf andere Quellen und las, dass diese (französisch gesungenen) Worte, die so zu Herzen gehen, ursprünglich Worte von Mutter Teresa von Kalkutta sind - aufgeschrieben in ihren Aufzeichnungen. Sie hatte sie vor der Gründung ihrer Schwesterngemeinschaft immer wieder in ihrem Herzen gehört. Jedoch anders als ich sie zunächst verstand, handelt es sich bei ihnen nicht um unser Rufen und Singen um das Kommen Jesu in unsere Zeit, sondern es ist Jesus Christus selbst, der da zu Teresa spricht – mehrmals zu ihr spricht, wie sie es vernommen hat. Ein Rufen, dem sie dann ja tatsächlich gefolgt ist – hin zu den Ärmsten der Armen auf die Müll- und Dreckshalden in Kalkutta. In diesem Ruf hört und vernimmt sie ihren Lebensauftrag, ihre Mission:
Viens, sois ma lumière, mon feu d’amour porte moi dans les cœurs des pauvres, chez les malades, chez les mourants allume la flamme de mon amour.
Komm, sei mein Licht, mein Feuer der Liebe, trage mich zu den Herzen der Armen, bei den Kranken, bei den Sterbenden entzünde die Flamme meiner Liebe.

Es ist gleichsam Jesu Wort der Bergpredigt, mit dem sich Teresa ganz unmittelbar, persönlich von ihm angesprochen weiß: „Ihr seid das Licht der Welt; euer Licht erstrahle vor den Menschen (Mt 5,14.15)
Hatte ich das Lied also anfangs falsch verstanden? Jein! Im ursprünglichen Sinne des Wortes an Teresa von Kalkutta zunächst wohl schon, in einem weiteren Sinn jedoch nicht. Worte, die das Herz erreichen, sind mitunter keine eindeutigen Worte, sondern dürfen und sollen von unserem Herzen erst einmal aufgenommen, verkostet, „gekaut“, meditiert und für sein Leben bedacht werden. Mit ihrer Doppel- oder Mehrdeutigkeit erst entfalten sie in uns so richtig ihren „Geschmack“ und ihren „Nährwert“ und entbergen einen Sinn, der nicht eindeutig festgelegt werden kann.
Das Wort Teresas ist die spirituelle Quelle ihres Lebens und ihrer Arbeit mitten unter den Ärmsten. Jesus Christus spricht zu ihr, ja fordert sie heraus: Geh, sei du mit deinem Leben, mit deinem Licht mein Licht inmitten der Elenden und Sterbenden. Und so kann es - gerade im Advent - auch unser Rufen und Bitten an ihn sein. Komm, Jesus, sei unser Licht, unser Feuer der Liebe, führe du uns zu den Herzen der Armen … Es ist nicht nur beides möglich, sondern das eine versteht sich sogar vom anderen her. Weil ER das Licht ist, können, dürfen, sollen wir sein Licht sein inmitten dieser Welt, die auf seine und unsere Liebe wartet.
Nun will ich Euch natürlich noch schreiben, wo Ihr das Lied findet, denn es soll Euch in diesem Advent ebenso ins Herz sprechen – auf Weihnachten hin, auf SEIN Kommen hin: https://www.youtube.com/watch?v=UzHOUDu4E9o
Und dann – beim Suchen nach weiteren Lieder dieser Schola „Choeur dans la Ville“ bin ich auf einen anderen jungen Chor („Paroisse Saint Melaine“) gestoßen, der sang das Lied „Viens, sois ma lumière“ um Ostern herum – also inmitten der Corona-Pandemie und deshalb als eine Videocollage produziert. Auch diese Fassung mit ihren Bildern ist noch einmal ein spirituelles Sehen und Hören! https://www.youtube.com/watch?v=ofoTiPObFMw

Und mit diesem „Adventslied“ Viens sois ma lumière wünsche ich und wünschen wir Euch für die kommenden Tage, in denen die Möglichkeiten des Zusammenseins weiter beschränkt werden müssen, trotz allem adventlich-weihnachtliche Freude im Herzen. Wer das Schauen und Hören des Liedes mit einem Gebet abschließen möchte, kann das z.B. mit dem folgenden tun, das ich aus dem "Gotteslob" (kath. Gesangbuch, GL 15,1) genommen und etwas verändert habe:

Gott, Du bist die Hoffnung,

wenn ich ratlos bin.
Du bist mein Licht
an grauen und dunklen Tagen.
Du bist mein Halt, wenn ich gefallen bin.
Du bist die Quelle meines Lebens.
Du bist mein Begleiter auf meinen Wegen, Umwegen und Irrwegen.
Du bist meine Kraft inmitten meiner Schwäche und Ohnmacht.
Denn du bist da, auch wenn ich dich nicht spüre.
Und so lass auch mich Hoffnung wecken, Licht entzünden
und Halt geben, wo ich gebraucht werde.
Amen.

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"Zugfahrt Advent"    (Stephan, 07.12.20)

Zugfahren ist diesen Advent nicht so angesagt – zumindest bei mir nicht. Das Meiste findet digital oder in nächster Nähe statt. Veranstaltungen auswärts sind abgesagt, Treffen mit alten Freunden verschoben. Real war meine letzte Zugfahrt kurz vor der Corona-Zeit. Aber im übertragenen Sinn fühlt es sich gerade ein bisschen wie Zugfahren an. Wir haben es nicht in der Hand – jemand oder etwas anderes steuert den Zug. Unterwegs aussteigen – schwierig. Was war das Ziel, was stand auf dem Fahrplan? Pünktlich oder verspätet? Anschlusszug erreichbar oder verpasst? 1. Klasse Fensterplatz oder nur noch im Gang stehen? – Ungewiss, alles offen.

Alles offen, ungewiss, schwierig, nicht in meiner Hand – diese Zeiten sind ähnlich wie Zufahren. Beim Zugfahren kann auch Überraschend-Unerwartetes, Besonders-Schönes passieren, so auch in diesem Advent. Von einer solchen Zugfahrt habe ich in einem früheren Adventskalender gelesen. Ist wirklich passiert, nicht im Advent, passt aber gut zum Advent:

Es war in einem ICE zwischen Berlin und Leipzig. Eine Frau Anfang 30 betrat mit zwei Kindern den gut besetzten Speisewagen, am Arm einen großen Korb voller Rosen. Mit freundlicher Stimme fragte sie, ob ihr die Anwesenden einen Moment Aufmerksamkeit schenken würden. Nein, die Geschichte geht keinesfalls so weiter, wie ihr jetzt glaubt… Sie sei, sprach die Frau in die Runde, die Tochter des Lokführers. Und ihr Vater habe genau in dieser Stunde im Führerstand der Lok seine allerletzte Fahrt vor seinem Ruhestand. Er habe Zeit seines mehr als 40-jährigen Berufslebens bedauert, dass er nie die Fahrgäste sehen könne, die er tagaus, tagein befördere. Und so habe sie sich gedacht, dass heute eine gute Gelegenheit sei. Und ob sie denn allen Fahrgästen eine Rose aushändigen dürfe, die diese wiederum bei der Ankunft in Leipzig ihrem Vater überreichen würden?

Es war einen Moment still im Speisewagen, doch dann haben alle eine Rose genommen. Manager und Monteure, Geistliche, Laptop-Klapperer, Studentinnen, Omas und Enkel.

Als der Zug in Leipzig einfuhr, war alles anders als sonst, wenn ein Zug ankommt. Besonders auffällig: die Abwesenheit von Hektik. Der sonst so eilig fließende Strom der Reisenden schob sich gemächlich dahin, er tröpfelte nur. Zahllose Menschen bewegten sich auf die Lok zu, vor der sich in kürzester Zeit eine lange Schlange bildete. Und jeder sagte dem nach kurzer Zeit tränenüberströmten Lokführer einen kleinen Spruch. Schon bald war der Führerstand übersät mit Rosen. Das dreiköpfige Empfangskomitee der Bahn, das am Bahnsteig gewartet hatte, um dem Lokführer-Jubilar einen kleinen Strauß zu überreichen, starrte fassungslos auf den Auflauf und heulte wenig später selbst mit. Und mehrere Reisende aus Indien und Japan zückten ihre Kameras und hielten drauf, was das Zeug hielt.

Kann sein, sie erzählen jetzt zuhause, dass es in Deutschland so wenig Bahnunfälle gibt, weil die Reisenden den Lokführer nach jeder Tour mit Blumen überschütten.

Für eure Zugfahrt weiter durch den Advent (vom 2. bis zum 4.) wünsche ich Euch, dass ihr ab und zu auch eine schöne Überraschung erlebt. Und dass ihr dann an Weihnachten sozusagen „rosig“ feiern könnt. Auch wenn es dieses Jahr anders gefeiert werden wird, es bleibt das Fest der Liebe. Denn Gott ist aus Liebe auf die Welt gekommen und mit uns eingestiegen auf die Zugfahrt Leben – so auch dieses Jahr.Euch allen eine gute Fahrt durch diese 2. Adventswoche.

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"Das Wesentlichste und das Tiefste"    (Joachim, 30.11.20)

Heute greife ich in meine „Bücherschatzkiste“, um ein Buch hervorzuholen und Euch mit ein paar Zitaten an diesem Schatz teilhaben zu lassen, denn heute am 30. November ist der Todestag der Autorin dieses Buches. Etty Hillesum war Jüdin und Etty lebte in der Zeit als Nazideutschland die Niederlande besetzt hatten. Was das bedeutete, braucht ja keine große Ausführung. Etty musste wie überall, wo die Nazis herrschten, erleben, dass Juden nach und nach das Leben erschwert und schließlich unmöglich gemacht wurde, sie musste realisieren, wie man Juden mehr und mehr drangsalierte, und sie erkannte sehr früh schon, welches Schicksal ihnen allen und auch ihr „blühte“. Doch was dann in ihr beginnt, in ihrem Inneren, in ihren Gedanken, in ihrem Herzen und in ihrem Tun, das führt in eine Tiefe des Erkennens und in eine Größe an Menschlichkeit und in ein Vertrauen auf Gott. Das denkende Herz, Die Tagebücher von Etty Hillesum, 1941-1943

In mir gibt es einen ganz tiefen Brunnen. Und darin ist Gott. Manchmal ist er für mich erreichbar. Aber oft liegen Steine und Geröll auf dem Brunnen und dann ist Gott begraben. Dann muß er wieder ausgegraben werden.
Horchen auf das, was in einem selbst aufquillt … Die einzige Gewißheit, wie du leben sollst und was du tun musst, kann nur aus dem Brunnen aufsteigen, der aus deiner eigenen Tiefe quillt.

Etty war bereits im Durchgangslager Westerbork konnte aber noch einmal nach Amsterdam zurück, wo sie erkrankte. In dieser Zeit starb ihr Freund, der Psychochirologe Julius Spier, der ihr den Impuls zum Tagebuchschreiben gab. Im Angesicht ihres verstorbenen Freundes, schreibt sie:

Ich möchte meine Hände falten und sagen: Kinder, ich bin ja so glücklich und dankbar, und ich finde das Leben so schön und sinnvoll. Jawohl, schön und sinnvoll, während ich hier am Bett meines toten Freundes stehe, der viel zu jung gestorben ist, und obwohl ich jeden Augenblick in eine unbekannte Gegend deportiert werden kann. Mein Gott, ich bin dir so dankbar für alles.

Einer der – menschlich wie religiös als auch theologisch – tiefsinnigsten Gedanken ihres persönlichen Weges und Erkennens schreibt sie einen Tag später auf:

Auch wenn man Schmerzen im Körper hat, kann doch der Geist weiterwirken und fruchtbar sein. Und lieben und „hineinhorchen“ in sich und andere, und forschen nach den Zusammenhängen in diesem Leben und nach dir. „Hineinhorchen“, dafür möchte ich einen guten holländischen Ausdruck finden. Eigentlich ist mein Leben ein unablässiges „Hineinhorchen“ in mich selbst, in andere und in Gott. Und wenn ich sage, daß ich „hineinhorche“, dann ist es eigentlich Gott, der in mich „hineinhorcht“. Das Wesentlichste und Tiefste in mir, das auf das Wesentlichste und Tiefste in dem anderen horcht. Gott zu Gott.

Und wenige Seiten weiter (im Wissen dass sie wieder ins Lager nach Westerbork gehen und dieses doch nur die Zwischenstation sein wird) Wie soll ich das alles irgendwann … so beschreiben, dass andere Menschen nachfühlen können, wie schön und lebenswert und gerecht, ja gerecht, das Leben im Grunde ist. Vielleicht gibt Gott mir einst dafür die einfachen Wörter?

Welch eine Seelenkraft muss man in sich tragen, wenn man die eigene Vernichtung vor Augen hat, dennoch zu sehen und zu schauen, wie schön und gerecht das Leben ist!?!

Als ich vor ein paar Jahren in den Niederlanden war und Etty Hillesums Geburtshaus in Middelburg aufsuchte, fand sich dort angebracht eine Marmortafel, darin eingraviert dieses Wort aus ihrem Tagebuch:
(Unter dem Himmel ist man zu Hause.) Auf jedem Fleck der Erde ist man zu Hause, wenn man alles mit sich trägt.

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"brennende Geduld"    (Stephan, 23.11.20)

Kommenden Sonntag ist 1. Advent, morgen in einer Woche 1. Dezember und dann ist Heiligabend nur noch 24 Türchen entfernt! Alle Jahre wieder – es beginnt die Zeit des Wartens auf Weihnachten. Aber ich merke, dieses Jahr habe ich es nicht so mit dem Warten.  

Seit Monaten warten wir, dass die Infektionszahlen zurückgehen, dass die Einschränkungen gelockert werden können, dass ein Impfstoff entwickelt ist. Eine Tugend, die so gar nicht in unsere schnell-lebige Zeit passt, ist jetzt wieder gefragt: Geduld. Nicht nur Politiker*innen rufen uns dazu auf, auch ich selbst sage es mir ab und zu: „Hab Geduld!“ Doch wenn sich etwas in die Länge zieht, dann will ich dem Ganzen manchmal gerne einen Schubs geben, dass es in Schwung kommt. Geduld ist manchmal eine große Herausforderung.

Dieser Tage hat mir ein Freund von der „brennenden Geduld“ erzählt. „Mit brennender Geduld“ (spanisch: Ardiente paciencia) ist der Titel eines Romans des chilenischen Autors A. Skármeta über den Dichter Pablo Neruda und seinen Postboten Mario. 1971 hat Neruda in seiner Dankesrede für den Literaturnobelpreis voller Hoffnung für seine Heimat Chile den französischen Dichter Arthur Rimbaud zitiert: „Im Morgengrauen werden wir, bewaffnet mit brennender Geduld, die strahlenden Städte betreten.“

„Bewaffnet mit brennender Geduld“ klingt überhaupt nicht nach passivem Warten. Diese Geduld steckt voller Feuer und Energie. Da ist die Zeit nicht der Gegner, sondern es ist eine Phase, um Kräfte zu sammeln und im richtigen Zeitpunkt zu handeln. Das gefällt mir gut und ich habe mir vorgenommen, mich in „brennender Geduld“ zu üben. Wenn ich es mal wieder kaum aushalte, will ich mir sagen: „Hab brennende Geduld!“ Es hilft, denn Geduld hat mit unserer inneren Haltung zu tun und auch mit unserem Glauben – und das in mehrfacher Hinsicht.

In der Bibel gibt es viele Geschichten von Menschen, deren Geduld auf die Probe gestellt wird. Manche tun sich schwer damit, andere sind „brennend geduldig“, liegen sogar Gott immer wieder in den Ohren, bis er hilft. Und sie entdecken, Gott ist auch geduldig mit uns Menschen. Denn uns gelingt nicht alles auf Anhieb, aber er bleibt an uns dran. Und auch im Vaterunser finde ich die „brennende Geduld“ wieder: „Vater unser im Himmel, geheiligt werde dein Name, dein Reich komme, dein Wille geschehe“, so fängt es an. Und eigentlich könnte man jetzt Amen sagen: Gottes Wille soll geschehen und wir üben uns in Geduld. Aber nein, es geht weiter mit Bitten, „Brot gib uns“, „vergib Schuld“, „erlöse vom Bösen“ – ein Gebet voll „brennender Geduld“: Wir wünschen, warten und wirken mit.

„Brennende Geduld“ bedeutet, Herz und Verstand einzuschalten. So wie es momentan auf einem großen Banner am Scala in Ludwigsburg steht: klardenken - ja bitte! "querdenken" - nein danke!

Auf klare Gedanken zu kommen und in brennender Geduld zu leben, das passt zu diesen Zeiten. Diese Zeiten? Das sind Pandemie und Klimakrise. Doch es ist bald auch Advent. Und da können wir es bestens üben, die Geduld bis „es brennt“: die 1., 2., 3. und 4. Kerze. Und dann ganz viele, wenn wir feiern, dass Gott zur Welt kommt, Gott, der viel Geduld mit uns hat!  

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"Montagmorgen-Gebet"    (Stephan, 16.11.20)

Was glaubt Ihr machen rund ein Viertel der Deutschen abends im Bett vor dem Schlafengehen? Lesen? Ein paar Kapitel im Krimi und dann schlaf gut. Essen? Ein paar Gummibärchen als Betthupferl und dann träum süß. Nein, lesen und essen ist es nicht. Bevor Ihr auf ganz andere Gedanken kommt, verrate ich Euch das Ergebnis einer offiziellen Umfrage: Abends vor dem Schlafengehen, knapp 25 % der Deutschen, sie beten! Hochgerechnet macht das rund 20 Millionen Gute-Nacht-Gebete!

Egal, was gebetet wird, ob ein Dank für das Schöne am Tag, eine Bitte für die kranke Oma, oder eine Klage über das Leid in der Welt, es hilft auch für die Nacht. Wer vor dem Zubettgehen betet, schläft besser und länger, und erinnert sich deutlicher an die eigenen Träume. So nachzulesen im "Beurer Schlafatlas“.

Habt ihr gestern Abend gebetet? Oder heute früh? Wisst ihr es noch? „Gott sei Dank!“ oder „Oh, mein Gott - OMG!“ – Manche Gebete fallen uns wie ein Stein vom Herzen oder als Seufzer über die Lippen, so kurz, dass wir es nicht einmal merken. Aber auch unbemerkt tun sie gut. Habt ihr heute schon gebetet, zum Anfang der Woche? Wenn nicht, dann habe ich hier eins für euch (und wenn doch, dann schadet ein zweites auch nicht!):

„Gebet am Montagmorgen“

Lieber Gott,
bis jetzt geht´s mir heute gut! Ich habe noch nicht getratscht und auch noch nicht meine Beherrschung verloren. Ich war noch nicht gehässig, fies, egoistisch oder zügellos. Ich habe nicht gejammert, geklagt, geflucht oder Schokolade gegessen. Geld habe ich auch noch nicht sinnlos ausgegeben. Aber in ungefähr einer Minute brauche ich wirklich deine Hilfe. Denn dann stehe ich aus dem Bett auf!

Dieses Gebet habe ich vor einiger Zeit gefunden und gestern wiederentdeckt. Verfasser unbekannt. Dieses Gebet kommt von Herzen. Beste Stimmung beim Aufwachen. Doch, das könnte sich auch schnell ändern. Was kann ich nicht alles falsch machen und in den Sand setzen! Das weiß, der oder die da am Montagmorgen betet. Und deshalb, noch bevor die Bettdecke zurückgeschlagen wird: „Ich brauche wirklich deine Hilfe!“

Doch wie ist das mit der Hilfe beim Beten? Wird mein Gebet erhört? Erfüllt Gott wirklich unsere Gebete?  Es gibt ein großes Versprechen Jesu für unser Leben und unsere Gebete: Bittet, so wird euch gegeben; suchet, so werdet ihr finden; klopfet an, so wird euch aufgetan. (Lukas 11,9) Tolles Versprechen! Ob es immer so ist? Auch ich habe es schon anders erlebt. Oder es ist anders gekommen, als ich es erwartet hätte - und es wurde doch gut. Es gibt noch etwas Besonderes an dem Versprechen Jesu. Direkt davor erzählt er eine Freundschaftsgeschichte. Einer weckt mitten in der Nacht seinen Nachbarn und bittet ihn um 3 Brote, weil er unerwartet Besuch bekommen hat. So kann beten sein, Gott – egal zu welcher Zeit – wie einen Freund anzusprechen. Er wohnt direkt nebenan, nur ein Gebet nah entfernt. Und möglicherweise könnten ja auch wir selbst Nachbar*innen sein, die helfen, Bitten zu erfüllen…

Lasst uns dranbleiben. Lasst uns bei Gott anklopfen. Und lasst uns selbst Türen öffnen. Probiert es für euch aus mit dem Beten, abends oder morgens, für Euch allein oder gemeinsam mit uns beim Taizé-Morgengebet am Mittwoch – da ist immerhin Buß- und Bet-Tag.

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"Schweigen"    (Joachim, 09.11.20)

Eigentlich müsste dieser "Brief" an Euch ein leeres Blatt sein. Doch wäre das wohl so irritierend, dass niemand etwas damit anfangen könnte, also braucht es zumindest ein paar Worte, die dorthin führen zum:

SCHWEIGEN!

Zwei Zitate möchte ich meinem Gedanken heute voranstellen. Sie „umkreisen“, was die Pandemie uns - zeitweise jedenfalls – neben vielem anderen auch noch zumutet: Alleinsein, Stille, Schweigen …
(Die Zitate selbst entstammen natürlich aus Vor-Corona-Zeiten)

Die Menschen ertragen die Stille nicht,
es würde heißen, daß sie sich selbst ertrügen.

Pascal Mercier, Nachtzug nach Lissabon

Wenn man Zeit hat, zu sich selbst zu kommen, und findet dann nichts, dann wird´s problematisch. Und damit´s nicht problematisch wird, gibt´s die Unterhaltungsindustrie
Karlheinz A. Geißler, emer. Prof. für Wirtschaftspädagogik

Im 3. Jahrhundert vor Christus schreibt der Prediger Kohelet in seinem Nachwort: Im übrigen, mein Sohn, lass dich warnen! Es nimmt kein Ende mit dem vielen Bücherschreiben, ... (Koh 12,12) und Kohelet unterstreicht damit noch einmal, was er bereits erkannt und festgestellt hatte: Es gibt viele Worte, die nur die Nichtigkeit vermehren ... (Koh 6,11)
Hätte Kohelet sich auch nur annähernd vorstellen können, welche Flut nicht nur an Büchern, sondern an (bloßen) Informationen, Wortschwallen und Geschwätz auf allen möglichen Medien und Kanälen uns täglich, stündlich, ja minütlich überrollt - er wäre womöglich auf der Stelle verstummt.

Selbst wir „Kirchenmänner“ und „Kirchenfrauen“ sind eher selten um ein Wort verlegen, übertönen gerne die Pausen, die vermeintlich peinlichen, und meinen mit gutem Willen, auch Gott sei jederzeit zu sprechen und er habe stets ein Wort für uns parat. Was aber, wenn er schweigt? wenn ER im Schweigen sein will? Was, wenn Worte überflüssig oder nur die Nichtigkeit vermehren? Wenn Worte nicht genügen und Reden nicht einmal mehr Silber ist? Denn: „Wo alle Worte zu wenig sind, da ist jedes Wort zuviel!“, so Viktor Frankl, der Psychiater und Begründer der Logotherapie.

Gedanken zur Woche? Wer sagt denn, dass ein wirklich geistlicher Gedanke nicht auch einmal einfach Schweigen sein könnte:

schweigen

 

... als mein Gebet immer andächtiger und immer innerlicher wurde, da hatte ich immer weniger und weniger zu sagen. Und zuletzt wurde ich ganz still.
Sören Kierkegaard, dänischer Philosoph

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"Lieblingsort"    (Stephan, 02.11.20)

Was ist euer Lieblingsort?
Ein Sessel, in dem es sich gemütlich einen Kaffee trinken, in ein Buch eintauchen oder Musik genießen lässt? Oder der Esstisch, für leckere Essen und Treffen mit Familie, Freunden und Freundinnen? Manche Lieblingsorte besuchen wir einmal im Jahr: der Strand im Sommer mit dem herrlichen Blick über den Horizont hinaus oder das Kloster für das Ruhe- und Inspirationswochenende. Oder es gibt Lieblingsorte, die einmalig und seitdem Sehnsuchtsort geblieben sind: der Dreitausender, den ihr erklommen habt; die Parkbank, die euch an einen Kuss erinnert…

Lieblingsorte umgibt ein besonderer Zauber. Lieblingsorte lassen mich dem grauen Alltag entfliehen. Manchmal nur für einen kurzen Moment, aber der ist unendlich kostbar. Es gibt Lieblingsorte, die gehören ganz mir, andere wiederum teile ich gerne. Doch gerade die gemeinsamen Lieblingsorte sind nun wieder etwas in die Ferne gerückt. Die „November-Notbremse“, der Versuch die Infektionswelle zu brechen, macht manche Lieblingsorte erst einmal unerreichbar: der Abend in der Kneipe, das Schwitzen im Fitness-Studio, der neueste Film im Kino – es muss verschoben werden. So trifft es auch unsere Schwarzwald-Outdoor-Tour, das Klosterwochenende und manch andere Lieblingsorte, die wir mit euch teilen wollten. Wir alle müssen uns wieder umstellen. Doch vergesst euren Lieblingsort nicht - sie sind jetzt umso wichtiger! Eure altbewährten, persönlichen Lieblingsorte bleiben euch. Entdeckt sie neu für euch und schöpft Kraft an ihnen. Oder sucht neue Orte, die euch gerade jetzt guttun.

Vor kurzem habe ich gelesen, dass jede und jeder Zweite eine Kirche als Lieblingsort aufsucht. Ob es stimmt? Ich weiß es nicht. Aber es könnte sein. Auch mich faszinieren Kirchen immer wieder: Die alten Kirchen mit ihren hohen Türmen und dicken Mauern, die so viele Lebens- und Glaubensgeschichten in sich tragen von Menschen, die hier gesungen und gefeiert, gebetet, geklagt und Hoffnung geschöpft haben. Auch neue Kirchen mit ihren hellen Räumen, besonderen Fenstern oder Kunstwerken lassen mich einen Moment still werden.

Kirchen unterbrechen das Getriebe und Getriebensein des Alltags, sie sind anders als unsere sonstigen Lieblingsorte - heilsam anders. Auch Menschen, die nur wenig mit dem Glauben anfangen, erleben für sich, wie Kirchenräume unsere Gedanken und Herzen weiten können. Manchmal brauche ich etwas anderes als meinen bekannten Wellness-Wohlfühl-Lieblingsort. Da suche ich Räume, die mehr in sich tragen als ein gutes Gefühl. Es muss nicht, aber es kann eine Kirche sein. Dort findet sich eine Gemeinschaft auch mit denen, die vor mir da waren oder nach mir kommen werden. Dort lebt eine Sehnsucht nach dem Grund, der trägt, wenn vieles durcheinander geraten ist. Probiert es aus! Und wenn ihr vor einer geschlossenen Kirchentür steht, genießt sie von außen oder kommt am Sonntagvormittag wieder ?

Macht euch auf die Suche nach neuen Lieblingsorten, nach Kirchen oder Kastanienbäumen, nach Kuschelecken oder Kinderspielplätzen (mit Schaukeln auch für den November!). Entdeckt neue Orte und lasst euch an und von ihnen beflügeln in dieser Woche.

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"Herbstimpressionen"    (Joachim, 26.10.20)

Noch einmal – gestern – ein goldener Oktobertag bevor der November trübere Tage verheißt. Bilder und Erfahrungen eines jeden Jahres, die Reiner Maria Rilke 1902, als er in Paris weilte, zu seinem Gedicht und Gebet „Herbsttag“ inspirierten.

Herbsttag

Herr: es ist Zeit. Der Sommer war sehr groß.
Leg deinen Schatten auf die Sonnenuhren,
und auf den Fluren laß die Winde los.

Befiehl den letzten Früchten voll zu sein;
gib ihnen noch zwei südlichere Tage,
dränge sie zur Vollendung hin und jage
die letzte Süße in den schweren Wein.

Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr.
Wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben,
wird wachen, lesen, lange Briefe schreiben
und wird in den Alleen hin und her
unruhig wandern, wenn die Blätter treiben.

Gleich mit Gebetsanruf: Herr, es ist Zeit, zeigt Rilke, wie sehr der Herbst einem die eigene (begrenzte) Lebenszeit in Erinnerung ruft: weniger Licht, lange Schatten und Winde. Und doch sind das Schöne und die Fülle nicht vergessen, sondern sie sind immer noch da (und gehen nicht verloren): Früchte, Vollendung, Süße. Und mit dem letzten Vers stößt Rilke in die Realitäten der nun folgenden Zeit: November, Dezember, Winter: Wer jetzt allein ist … wird unruhig wandern. Unruhig wandern wir durch diesen Herbst 2020, beunruhigende Coronazahlen treiben uns um; wie werden wir durch den Winter kommen?
In seinem vier Jahre später in Berlin erschienen „Buch der Bilder“ schreibt Rilke dann ein weiteres Herbstgedicht:

Herbst

Die Blätter fallen, fallen wie von weit,
als welkten in den Himmeln ferne Gärten;
sie fallen mit verneinender Gebärde.

Und in den Nächten fällt die schwere Erde
aus allen Sternen in die Einsamkeit.

Wir alle fallen. Diese Hand da fällt.
Und sieh dir andre an: es ist in allen.

Und doch ist Einer, welcher dieses Fallen
unendlich sanft in seinen Händen hält.

Himmel und Erde, ja der ganze Kosmos fallen in das Bild der fallenden Blätter, und Du und ich, wir sind hineingezogen. Ich bin kein Freund von Allerweltsweisheiten – auch religiösen nicht – wie jene von Kirchenleuten immer wieder zu lesenden oder zu hörende, dass wir nicht tiefer fallen können als in Gottes Hände. Solcher Art Weisheiten sind oft so glatt und dennoch nie wirklich falsch, als dass man (ich) sich wirklich gegen sie wehren könnte (auch wenn man innerlich unbestreitbar einen Widerstand spürt). Immerhin kann man bei dieser Weisheit die Frage stellen: Wie tief ist das denn: in Gottes Hand? Und die Antwort vieler Menschen, die solches Fallen erlebt haben, dürfte dann wohl lauten: sehr tief! Doch hier bei Rilkes Herbst empfinde ich solchen Widerstand überhaupt nicht. Im Gegenteil. Ich gewinne anhand seiner Worte, Zeile für Zeile, dass er mir liebevoll und zugleich unmissverständlich mein Schicksal (unser aller Schicksal) vorstellt, mich dabei an die Hand nimmt, um versöhnt in es einzustimmen – in jenes Fallen, das in jeder Höhe gehalten ist, selbst dann, wenn es tief hinunter geht. Solches zu glauben und jener Hand zu vertrauen – so scheint es mir –, ist die große Einladung, die Rilke uns mit seinem „Herbst“ im „Buch der Bilder“ malt.
Möge der Herbst uns allen so viel an Fülle, Dank und Zuversicht ins Herz legen, dass Ihr über das ganze Winter-Semester, wann immer nötig, ein wenig davon zehren könnt.

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"Lost"    (Stephan, 19.10.20)

Vor 2 Wochen habe ich Euch zum Wintersemester mit „Los geht´s!“ begrüßt. Nun die Überschrift „Lost“. Sieht fast aus wie eine Abkürzung für „LOS gehT´s“. Von wegen! Beim englischen „lost“ geht nichts los, sondern es ist „verloren“.

Ich mag die deutsche Sprache mit so einmaligen Worten wie Holunderblütenschorle, Augenstern, Himmelsstürmer oder traumvergessen… Aber in diesem Fall kann ich gut mit dem englischen „lost“. „verloren“ klingt fast niedlich und sanft. „lost“ hingegen ist kurz, scharf und hart: ein kurzes o, ein scharfes s, ein knallhartes t als Schluss. „lost“ wurde jetzt zum Jugendwort des Jahres 2020 gekürt. Erstmals haben nicht eine Jury sondern Jugendliche selbst durch ein Online-Voting darüber entschieden. Bei Jugendlichen bedeutet „lost“ außer „verloren“ auch „unsicher“. Das ist eine Stimmungslage, die nicht nur Jugendliche, sondern Viele gerade empfinden.

Da hatten wir ein unsicheres Corona-Sommersemester. Dann etwas leichtere Sommerferienwochen, in denen das Virus gefühlt in den Hintergrund trat. Doch jetzt: neue Rekordwerte, Pandemiestufe 3, täglich aktualisierte Verordnungen für Alltag, Schulen und Hochschulen. Das Virus gewinnt an Fahrt, wir fühlen uns „lost“. Wie sollen wir uns verhalten? Was gilt morgen noch? Was macht es mit uns? Auch wir in den Hochschulgemeinden fragen uns: Wie kann ein Filmabend gerade funktionieren, wie das Taizé-Morgengebet? Können wir unsere Outdoor-Tour im Schwarzwald durchführen? Lost in Fragen, und das „Los geht´s“ wird ausgebremst.

In der Bibel lesen wir viele „lost storys“, z.B. vom verlorenen Sohn, Schaf oder Groschen. Einen, den es extrem erwischt hat, war Elia. Er hat gekämpft für das Gute, für Gerechtigkeit, für Gott. „Der Feurige“ haben sie ihn genannt, einen der großen Propheten der Bibel. Alles hat Elia gegeben, 150 Prozent! Doch dann verliert er sich, verliert den Sinn des Lebens und des Glaubens. Das Feuer ist erloschen, Burnout, „lost“. Elia schickt sich selbst in die Wüste, schläft ein und will nicht mehr aufwachen. Als er dann doch die Augen wieder aufschlägt, sieht er einen Krug frischen Wassers und geröstetes Brot und einen Engel, der zu ihm sagt: „Steh auf und iss.“ Elia isst und trinkt und schläft wieder ein. Nach einer Weile wird er erneut vom Engel geweckt: „Steh auf und iss. Denn du hast einen weiten Weg vor dir.“ Elia stärkt sich und bricht auf, 40 Tage und Nächte durch die Wüste. Er begegnet sogar Gott und findet seinen Weg wieder. (Bibel, 1. Könige 19)

Die Geschichte von Elia macht mir immer wieder Mut, wenn ich mich verloren oder unsicher fühle, so wie viele jetzt. So wünsche ich mir und Euch etwas wie:
- frisches Wasser: Erfrischung in trüben Zeiten, dass wir neu nach vorne blicken.
- geröstetes Brot: Stärkung in unsicheren Momenten, dass wir wieder aufbrechen können.
- ein Engel: jemand oder mehrere an unserer Seite, die uns Mut machen für die Zukunft.

Dann kann aus dem „lost“ wieder ein „Los geht´s“ werden. In diesem Sinne wünsche ich Euch eine Woche, in die ihr hoffentlich erfrischt, gestärkt und ermutigt gehen könnt.

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"Cannstatter Wasen - Erntedank"    (Joachim, 12.10.20)

Das 175. Cannstatter Volksfest fände jetzt gerade in diesen Tagen statt – doch wie so Vieles: es fällt aus!

Vielleicht ist das die Gelegenheit, sich der Bedeutung dieses Festes und seiner Geschichte zu erinnern. Es findet nicht zufällig Ende September, Anfang Oktober statt. Denn das Volksfest ist ein Erntedankfest.

1815 bricht auf Indonesien der Vulkan Tambora aus und explodiert mit einer unvorstellbaren Kraft. Staubwolken türmen sich 43 km hoch bis in die Stratosphäre und breiten sich aus. Das bedeutet für viele Landstriche v.a. in Süddeutschland und für Württemberg eine Katastrophe. Das Jahr 1816 wird ein Jahr ohne Sommer, mit Schneefall sogar im Juli. Tausende hungern, versuchen auszuwandern oder gehen im Elend zugrunde.

Als es 1818 zum ersten Mal wieder eine gute Ernte gibt, beschließen das junge Königspaar Wilhelm und Katharina ein Fest zum Dank zu feiern und ganz Württemberg nach Stuttgart einzuladen. Die Menschen sollten fröhlich sein, die Bauern sollten die neueste landwirtschaftliche Technik kennenlernen und Tiere sollten prämiert werden. Eine vom damaligen Stararchitekten, Hofbaumeister Nikolaus Friedrich von Thouret, entworfene Fruchtsäule war das schon von weitem sichtbare Zeichen dieses Festes.

Eine große Dankbarkeit zog in dieser Zeit in die Herzen der Menschen ein. Endlich wieder eine Ernte, endlich wieder Leben, endlich geht es wieder aufwärts!

Am 4. Oktober 2020 war der Erntedanktag, den die Kirchen feierten. Viele Gläubige spendeten Gaben für einen Erntedankaltar. Auch in den Kirchen und Erntedankgottesdiensten natürlich coronabedingte Einschränkungen. Inmitten schwieriger und für nicht wenige sogar schweren Zeiten das Erntedankfest zu feiern, zeigt so auch, wie sehr Dankbarkeit und Freude, fröhlich sein und miteinander feiern, den Menschen gut tut. Das Erntedank wird so zu einem Fest aus dem Herzen zur Ehre dessen, dem wir das Leben, die Schöpfung und uns selbst verdanken – allen äußeren Umständen zum Trotz.

Wenn 2021 dann tatsächlich das 175. Cannstatter Volksfest hoffentlich stattfinden kann, dann möge es allen, die gerne hinunter zum Wasen gehen, zugleich auch einladen, auf ihr Herz zu hören, zu horchen wofür – und wem – es danken möchte.

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"Los geht´s!"    (Stephan, 02.10.20)

„Los geht´s!“ – In diesen 2 ½ Worten steckt viel Vorfreude. So war es auch dieses Jahr an einem schönen Sommerferientag. Wir hatten einen Ausflug in einen Kletterwald geplant – bei Schloss Lichtenstein auf der Schwäbischen Alb.

„Los geht´s!“ – aber nicht sofort. Wer schon in einem Kletterwald war, weiß, dass es nicht einfach losgeht. Zuerst heißt es Anmeldezettel ausfüllen, bezahlen, Klettergurt anlegen und Helm aufsetzen. Einweisung in die Technik… Und nun im Corona-Sommer kam noch einiges dazu, bevor es losging: Online-Anmeldung von zuhause aus, Desinfektion der Hände, Hygiene-Hinweisschilder studieren, Einweisung und Klettern mit Abstand.

„Los geht´s!“ - mit Verzögerung, mit guter Vorbereitung, mit Einschränkungen. Aber Spaß hat es trotzdem gemacht, wie sonst auch im Kletterwald: mit zitternden Knien beim Blick vom Baumwipfel in die Tiefe, mit atemberaubender Aussicht in die Ferne, mit lustigen und kräftezehrenden Parcours. Und am nächsten Tag wieder „Los geht´s“ - mit dem Muskelkater!

„Los geht´s!“ – So heißt es nun auch wieder in Ludwigsburg. Einige sind schon ins Wintersemester gestartet. Bei manchen geht es jetzt los, und für Viele dann Anfang November. „Los geht´s!“ – Das gilt auch für die ESG-KHG, unsere Studierendengemeinden. Im September hatten wir schon einige Veranstaltungen draußen, jetzt im Oktober legen wir mit analogen und digitalen Veranstaltungen nach, und ab November starten wir richtig durch – sofern alles so möglich ist, wie wir es geplant haben. Wir hoffen es und freuen uns darauf und auf euch!

„Los geht´s“ – In diesen 2 ½ Worten steckt für mich eine doppelte Bewegung: Erst einmal loslassen und sich lösen von Zurückliegendem, und auch von Bedenken und Zaudern. Und als zweites dann losgehen, aufbrechen, sich auf den Weg machen in den neuen Tag oder ins neue Semester. Und wenn wir losgegangen sind, können wir - auch trotz mancher Unsicherheiten, Einschränkungen oder Steinen im Weg - trotzdem erleben: „Es geht!“. „Es geht“ wie im Kletterwald: gut vorbereitet, gut ausgerüstet und gut gelaunt kann es hoch hinaus gehen. Und das Schönste ist, wenn wir nicht allein klettern, sondern miteinander: Uns gegenseitig helfen, anspornen, Schwierigkeiten überwinden und besondere Glücksmomente und kleine oder große Erfolge miteinander genießen.

So wünsche ich es mir und uns auch für das neue Semester, dass es gemeinsam losgeht und wir miteinander erleben, dass es geht – himmelhoch hinaus oder erdennah entlang.

Und noch einer ist mit uns unterwegs – durch Höhen und Tiefen. Gott geht mit an unserer Seite. Darauf vertraue ich, und viele andere auch. Mal erlebe ich dieses Mit-Sein Gottes wie die gute Einweisung vor der Klettertour, mit der ich gut durchkomme; mal wie einen Klettergurt, der mich trägt; oder wie den kleinen Moment des Verschnaufens, den aufregend-schönen Blick in die Tiefe oder die großartig-schöne Aussicht in die Weite.

In diesem Sinne: „Los geht´s!“

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"Himmels-Blau"    (Stephan, 27.07.20)20200704 132240klein

Blau ist für mich die Farbe des Monats Juli 2020:
- strahlend-blau: der Sommerhimmel (fast) jeden Tag.
- quietsch-blau: die Plantschbecken im Studidorf zur Abkühlung.
- knall-blau: die Eissorten Schlumpf, Blauer Engel und Delfin, die wir wieder probieren können.
- azur-blau: das Meer mit Traumstrand auf dem Plakat im Schaufenster des Reisebüros.

Ja, die Bilder sind wieder da, die unsere Sehnsucht nach der weiten Ferne wecken. Wer hätte das noch vor wenigen Monaten gedacht. Da war der Sommerurlaub gedanklich in weite Ferne gerückt. Und das Sommersemester 2020 war weniger blau als vielmehr in Grautönen gehalten:
- dunkel-grau: die Bildschirme, an denen das meiste digital studiert wurde.
- hell-grau: die leeren, unbeleuchteten Hörsäle.
- unsichtbar-grau: dieses kleine, fiese Virus (auch wenn in den Animationen von Wissenschafts- oder Nachrichtensendungen dieses gezackte Kugelvirus immer bunt dargestellt ist, für mich ist es schrecklich-langweilig grau).

Viel Grau in den vergangenen Wochen. Kein Wunder steigt in uns die Sehnsucht nach Farbe, nach buntem Leben, bei mir jetzt im Juli besonders nach Blau. So ging es uns auch bei der Outdoor-Tour unserer Hochschulgemeinden, die wir, Gott sei Dank, im Juli doch noch real nachholen konnten. Wir wanderten von Bad Wildbad hoch zum Baumwipfelpfad und dann weiter zum Hochmoor von Kaltenbronn; unter strahlend blauem Sommerhimmel! Aber das war uns nicht genug. Zwischen den Büschen und Bäumen haben wir nach den Hochmoor-Seen Ausschau gehalten haben. Aber nichts zu sehen, alles war trocken. Bis plötzlich, links neben dem Bohlenweg etwas hindurchblitzte. Und dann, der Blick frei auf den sich im Himmelsblau spiegelnden Hochmoor-See. Es war wunderschön! (s. Foto) Wir haben gestaunt und uns gefreut wie Kinder über dieses Blau am Himmel und im Wasser. Es war, als ob die Seele in diesem doppelten Blau abtauchen würde, nach dem anstrengenden Aufstieg und dem außergewöhnlichen Semester.

Eintauchen ins Blau, so heißt es in einem Gedicht von Conrad Ferdinand Meyer:
O du heil'ge Bläue,
immer freut aufs Neue
mich der stille Glanz.
Abgrund ohne Ende!
Himmlisches Gelände,
Seele, tauche unter ganz!

Untertauchen in die „heilige Bläue“ - wer weiß - möglicherweise hängt unsere Sehnsucht nach neuem, erfrischendem, erholsamem Leben mit dieser „heiligen Bläue“ zusammen. Und die lässt sich nicht nur an fernen Meeren erfahren. Das geht auch am Plantschbecken oder mit Schlumpfeis, bei der „Fahrt ins Blaue“ oder wenn wir sonst irgendwie „blau machen“ in freien Zeiten dieses Sommers.
„Heilige Bläue“, in der Kunst wurde die blaue Farbe immer auch mit dem Himmel als Bild des Unsichtbaren, als Farbe Gottes verwendet. Auch wenn ich mir sicher bin, dass Gott – wie im Regenbogen – alle Farben liebt, so hat er sicher eine Schwäche für das Blau. Denn diese Farbe hat er dem Himmel gegeben und allem, worin sich das Oben im Unten spiegelt: das Meer, ein Hochmoor-See oder unsere Seele, die im Blau abtauchen kann.
Sammelt dieses heilig-himmlische Blau in den kommenden Sommerwochen. So dass, wenn der Herbst vielleicht wieder etwas mehr Grau malt, ihr einen guten Vorrat Blau habt.  
So wünsche ich Euch – bis wir uns wiedersehen, -hören oder -lesen - einen guten Semesterabschluss und wunderbare Semesterferien mit viel Blau

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"Woran arbeiten wir?"    (Joachim, 20.07.20)

Das Semester neigt sich dem Ende zu und vielleicht schleicht sich beim einen oder anderen die Frage ein: Was war das nun? Was hat mir diese online-Semester denn gebracht? Oder manchmal mitten in der Arbeit schießt einem die Frage durch den Kopf: Wozu eigentlich das Ganze? Und wenn jemand schon die Lebensmitte erreicht, sich privat und beruflich etabliert hat, lauten die Fragen vielleicht: War es das? Was kommt wohl noch? Solche Fragen nach dem Sinn unseres Tuns, Studierens und Arbeitens (und Nicht-Tuns) bleiben kaum aus. Und jetzt in der Corona-Krise mögen sie sich bei manchen womöglich besonders bemerkbar machen.

Eine kleine Episode beim Bau eines Domes – der eine oder andere von Euch kennt sie wohl schon – wird diese Frage in ihrer einfachsten Form gestellt: Was machst da?

Beim Bau des Münsters in Freiburg wurden drei Steinmetze nach ihrer Arbeit gefragt.
Der erste antwortete: „Ich behaue Steine.“
Der zweite entgegnete: „Ich verdiene Geld.“
Der dritte überlegte und sprach: „Ich baue am Dom.“

Die Episode hat leider einen „moralischen Überhang“, wie ich das mal nennen möchte. Die dritte Antwort erhebt sich über die anderen beiden. Das macht schon die Unterbrechung deutlich: Der dritte überlegte …; dazu die Steigerung: Stein, Geld, und dann Dom, der ja auch physisch weit über die vermeintlichen Banalitäten hinausreicht und gen Himmel sich streckt. Nicht nur das; der dritte realisiert, dass er selbst das, woran er arbeitet, (v.a. wenn er zu den ersten Generationen der Domsteinmetze gehörte) nie in seiner Fertigstellung erleben wird. Was er bestenfalls noch als Ergebnis seiner Arbeit wird schauen können, wird ein Torso sein, ein Fragment einer viel größeren Idee, deren Vollendung er allenfalls in seinen Vorstellungen und Träumen antizipieren kann.

Doch gerade unsere jetzige Zeit, kann diese Episode zurück auf den Boden holen ohne die himmlische Perspektive einzubüßen.

Der erste, zweite und dritte überlegen und antworten gemeinsam: Wir haben eine Arbeit, zum Glück haben wir zu tun und dürfen an diesem Material (hand-)werken und wirken. Arbeit, in die wir etwas von unserem Tun, unserem Denken, unserer Kraft hinein geben können.

Und ja, fahren sie fort, wir können damit eigenständig für uns und unseren Lebensunterhalt sorgen. Es tut gut zu wissen, dass unsere Arbeit gebraucht, geschätzt wird und ihren Wert hat.

Um dann zu ergänzen: Doch woran wir arbeiten, das ist größer als wir selber, größer als alle unserer Arbeiten zusammen. Es ist bei allem Planen und Tun noch einmal etwas ganz anderes, etwas Überraschendes, etwas Geheimnisvolles. Wir dürfen Teil daran haben, ja Teil daran sein. Denn auch auf uns kommt es an, damit einmal - nach uns - aus unsrer aller Arbeit ein „Haus des Himmels“ wird.

Im Psalm 90 betrachtet der Beter sein Leben und wird seiner Vergänglichkeit gewahr. Er bittet daher Gott um ein weises Herz, mit dem er jeden einzelnen Tag schätzen („zählen“) lernt. Am Ende seines Gebets schaut er noch einmal über sich und seine begrenzte Zeit hinaus. Der Schriftsteller Arnold Stadler übersetzt diesen letzten Vers des Psalms so:

Seine [Gottes] Güte begleite uns.
Laß das, was wir mit unseren Händen tun gedeihen!                   
Ja, laß es gedeihen, das Werk unserer Hände!

Möge dieses Semester, möge Euer Tun und Lassen – ja auch das Nichtstun oder gar die Langeweile – möge das Teil Eures Werkes und eines größeren, von uns nicht zu überschauenden gesegneten Ganzen sein.

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"Antworten im und fürs Leben"    (Stephan, 13.07.20)

in diesen Wochen sind viele Prüfungen, am Ende dieses besonderen Semesters für die einen digital, für andere in Räumen der Hochschulen mit Abstand. Prüfungen sind immer aufregend: Kann ich gut abrufen, was ich gelernt habe? Werden Themen abgefragt, zu denen ich gut etwas schreiben kann? Und reichen meine Antworten fürs gute Bestehen der Prüfung aus? Wie unterschiedlich eine Antwort aufgenommen und bewertet werden kann, davon berichtet ein Ereignis aus einem Physik-Examen:

Die Fragestellung lautet: „Sie haben ein Barometer zur Verfügung. Wie können Sie damit die Höhe eines Hochhauses bestimmen.“
Einer der Examenskandidaten schrieb: "Man nimmt das Barometer mit aufs Dach, bindet es an eine lange Schnur und lässt es daran auf die Straße hinunter. Dann holt man es wieder herauf und misst die Länge der Schnur. Diese Länge entspricht der Höhe des Gebäudes."
Der Professor musste zugeben, dass die Antwort formal richtig gelöst war, aber den Anforderungen eines Physikstudiums nicht genügte. Zuerst war er geneigt, den Examenskandidaten durchfallen zu lassen. Dann aber besann er sich und lud den jungen Mann zur mündlichen Prüfung. Dort wiederholte er die Fragestellung und fragte ihn, ob er denn keine andere Antwort auf die gestellte Frage wisse. „Doch“, antwortete der junge Mann, „Ich weiß viele verschiedene Antworten, habe mich in der Prüfung eben auf eine der Möglichkeiten bezogen. Wenn Sie eine andere Antwort hören wollen: Man nimmt das Barometer mit auf das Dach des Gebäudes und lehnt sich über die Dachkante. Dann lässt man es fallen und stoppt die Dauer des Falls mit einer Stoppuhr. Schließlich ermittelt man die Höhe, indem man die Formel für den freien Fall benutzt.
Oder wenn Sie es einfach wollen, dann können Sie auch den Luftdruck oben oder unten messen und nach der barometrischen Höhenformel die Höhe berechnen.
Diese Antwort erschien mir aber zu eindimensional, da Sie uns ja immer dazu angehalten haben, unseren kritischen Verstand zu benutzen, und neue Wege zu erforschen. Daher möchte ich Ihnen noch einen weiteren Vorschlag präsentieren: Sie nehmen das Barometer und klingeln beim Hausmeister des Hochhauses. Wenn er die Tür öffnet, machen Sie ihm folgendes Angebot: 'Lieber Herr Hausmeister, ich habe hier ein wunderbares Barometer. Wenn Sie mir die Höhe dieses Hauses verraten, dann schenke ich Ihnen das Barometer.' "

Inzwischen finden sich im Internet viele weitere Möglichkeiten (ernstgemeinte und witzige), wie die Examensfrage beantwortet werden könnte.
An dieser Geschichte finde ich wunderbar, wie hier aufgezeigt wird, dass die Wahrheit nicht eindimensional ist. Ja, es gibt Prüfungsfragen, auf die gibt es eine einzige richtige Antwort. Aber spannend wird es, wenn zu Fragen des Studiums (z.B. in einer mündlichen Prüfung) oder des Lebens (z.B. in der Familie, der WG oder im Biergarten) ein Gespräch entsteht und die verschiedenen Facetten der Wahrheit diskutiert werden.

Einer, von dem ich gelernt habe, dass Wahrheit viele Seiten hat, ist Jesus. Er hat einmal von sich gesagt: „Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben.“ Joh 14,6
Immer wieder wurde dieser Satz eindimensional als Absolutheitsanspruch gedeutet: Die eine Wahrheit ist bei Jesus zu finden. Doch wenn wir uns den Satz genauer anschauen, ist dort von Weg und Leben die Rede. Jesus selbst hat sich auf den Weg gemacht mitten ins Leben hinein, in all die Widersprüchlichkeiten, Vorläufigkeiten und vielen Antwortmöglichkeiten des Lebens. Und da gehörte für Jesus immer auch das kritische Denken dazu, Leben neu zu sehen. 
- Jesus ging auf Menschen zu, die abgeschrieben waren, und hat so Türen zum Leben geöffnet.
- Jesus setzte sich mit denen auseinander, die meinten, die Wahrheit endgültig zu kennen, und hat in ihr Denken Bewegung gebracht. 
- Jesus hat gezeigt, dass die Frage nach dem Sinn des Lebens, das was wirklich im und fürs Leben zählt, nicht nur eine einzige Antwort hat, sondern immer wieder neu gesucht werden muss.   

In diesem Sinne wünsche ich allen, die jetzt Prüfungen zum Ende dieses Semesters haben, und alle, die Prüfungen des Lebens zu bestehen haben: Wenn eine einzige richtige Antwort gesucht ist, möge sie euch einfallen. Ansonsten möget ihr viele Menschen treffen, die offen sind, um sich mit euch auf die Suche nach möglichen weiteren Wahrheiten zu machen.
Eine Wahrheit, die ich Euch von mir aus mitgeben möchte – gerade auch für diese Wochen: Gute Noten sind wichtig – auch für ein erfolgreiches Studium. Aber der Wert von uns Menschen hängt Gott sei Dank nicht von Noten ab.

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"Hoffnung im Kind"    (Joachim, 06.07.20)

Vor einigen Tagen musste ich (für einen Verlag) einen Gottesdienst für einen Sonntag in der Weihnachtszeit vorbereiten - nicht ganz einfach mitten im Sommer. Dabei geht es um die Stelle als Maria und Josef das Kind Jesus 40 Tage nach der Geburt in den Tempel nach Jerusalem bringen, um ihn als Erstgeborenen "Gott zu weihen" (Lk 2,22-40). Dort sind gerade auch der Prophet Simeon und die Prophetin Hannah, beide schon sehr betagt. Und als sie das Kind Jesus sehen und es auf die Arme nehmen, da überfällt sie eine tiefe Freude, ja Glückseligkeit, so sehr, dass Simeon alles, was er vom Leben noch erwartet hat, nun erfüllt sieht und er sein Leben loslassen kann. Er spricht einen Lobpreis aus, der noch heute als Abendgebet gesprochen oder gesunden wird:
Nun lässt du, Herr, deinen Knecht, nach deinem Wort in Frieden scheiden.
Denn meine Augen haben dein rettendes Tun gesehen,
das du bereitet hast vor allen Völkern ,
Enthüllendes Licht: den Völkern!
Und Herrlichkeit: deinem Volk Israel.

Ein Kind, das erwartet unerwartet, neues Licht, neue Hoffnung entfacht.
Das hat mich erinnert an einen Urlaub im Süden Dänemarks. In Faaborg war damals in einem alten, nicht mehr in Betrieb stehendem Gefängnis, eine Ausstellung zur Arpartheid und zu Nelson Mandela, dabei auch über die 27 Jahre, die er im Gefängis auf Befreiung und Gerechtigkeit wartete. Neben Bildern, die dort zu sehen waren, konnte man auch Texte von und über ihn lesen. An einen erinnere ich mich gut. Ich zitiere ihn, wie ich ihn im Gedächtnis behalten habe:

18 von diesen 27 Jahren war Nelson Mandela auf der berüchtigten Gefangeneninsel Robben Island vor Kapstadt inhaftiert. Aus dieser unvorstellbar langen Gefängnsizeit erzählt Mandela von einem Ereignis, das in die Monotonie des Gefängnisalltages einbrach.
Er und seine Mitstreiter waren draußen bei der Arbeit, das Areal von Mauer und Zaun gesichert. Und plötzlich hörten sie jenseits der Mauer ein Kind schreien; alle hielten sofort mit der Arbeit ein; sie horchten und lauschten geradezu andächtig dem Rufen des Kindes. Keiner sprach auch nur ein Wort. Schließlich vernahmen sie, wie das Rufen langsam leiser wurde; offensichtlich war jemand gekommen, um das Kind zu beruhigen und wegzutragen. Sie lauschten bis auch der letzte Ton des Kindes verstummte,      um dann selbst stumm dazustehen und einander mit fragend seligem Blick anzuschauen. Dann erst nahm langsam jeder wieder seine Arbeit auf.
Nelson Mandela erzählte, wie der Klang des Kinderrufens in ihre Seele drang und sie erfüllte. Sie sahen in diesem Kind, das sie nur hörten, den Sinn für ihren Kampf um Gerechtigkeit aufleuchten. Denn das kleine Kind sagte ihnen: es geht weiter, das Leben. Es wächst neues; eine neue Generation wird heranwachsen, und mit jedem neuen Leben keimt die Hoffnung auf Veränderung, auf Gerechtigkeit, auf Erfüllung einer Sehnsucht, für die sie gekämpft hatten und für die sie hier auf Robben Island einsaßen.

Von solcher Hoffnung, die das Herz vollends füllt, erzählt Lukas. Von dieser Hoffnung bis ins hohe Alter getragen schauen Simeon und Hannah den Glanz der Verheißungen in den Augen eines Kindes. In Jesus erkennen sie, dass niemand von Gottes Verheißung ausgenommen ist, ja dass die Liebe Gottes jedes Menschen Herz erleuchten soll.
Als der Missionar und Autor, Ludwig Balling, die Gelegenheit hatte, Nelson Mandela kurz nach seiner Freilassung für einige Momente unter vier Augen zu sprechen, fragte er ihn, wie er es bloß ausgehalten habe, trotz der langen und schweren Jahre ohne Hass zu überleben, und was ihm dabei geholfen habe, nicht zu verbittern. Da sagte Mandela nach kurzem Zögern:
"Ich hatte ein Ziel.
Ich hatte gute Freunde.
Und ich hatte meinen Glauben.
Ohne meine christliche Überzeugung hätte ich es nicht geschafft".

(Aus: Möge deine Zeit voll Freude sein, Freiburg 2006, S.86)

Begegnungen, Ereignisse, Worte, die einem "Fröhlichkeit", "Froh-Sinn" ins Herz legen und die man ab und zu und immer wieder braucht, um dann weiterzusehen, weiterzugehen, weiterzuleben ... - auch in Zeiten wie diesen.

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"Augenblick mal"    (Stephan, 29.06.20)

Es war letzte Woche, ein sonniger Frühsommertag, und wir sind uns auf unseren Fahrrädern begegnet. Doch wir haben uns nicht gleich erkannt. Beide mit unseren Fahrradhelmen und coolen Sonnenbrillen. Erst im letzten Moment noch ein schnelles „Hallo“ und schon waren wir aneinander vorbeigeradelt. Später haben wir uns geschrieben und geschmunzelt über unseren kurzen „Fahrrad-Augen-Blick“.

Zurzeit sind es nicht nur Sonnenbrillen und Fahrradhelme, die Begegnungen schwierig machen: Hände schütteln geht nicht, Umarmungen erst recht nicht, Masken verdecken die Gesichter – wie soll man sich da noch erkennen!? Aber (fällt es euch auch auf?) Augen können ganz viel sagen. Da brauche ich gar nicht so viel vom Gesicht zu sehen, keinen lachenden oder schmollenden Mund. Es reichen die Augen - vorausgesetzt sie sind nicht hinter einer Sonnenbrille versteckt!!! Augen können strahlen oder böse funkeln, Augen können verkniffen oder neugierig schauen. Augen sind gerade jetzt richtig wichtig. Darum: Schaut euch in die Augen! Das ist nicht verboten und davon bekommt man kein Corona. Im Gegenteil, es ist wirklich gesund.  

Reiht euch nicht ein in die Gruppe der Weg-Gucker – davon gab es auch vor Corona schon genügend: Die an der Supermarktkasse auf die Ware gucken statt mit einem Lächeln in die Augen der Kassiererin. Die am Bahnsteig nur gucken, dass sie als erstes einsteigen und den besten Platz bekommen, statt zu schauen, ob jemand Hilfe braucht. Die weggucken, wenn sie einem Straßenzeitungsverkäufer begegnen. Und jetzt, die bei den Videokonferenzen auf den Button gucken, wo man die Videokamera ausschalten kann. Tut es nicht, guckt nicht weg, guckt euch in die Augen, auf Zoom oder in der Fußgängerzone. Gönnt euch diese „Augen-Blicke“ und seht, wie gut sie tun, euch und anderen, auch und gerade in diesen Zeiten.

Jesus war so ein „Hin-Gucker“. Als die 5000 seiner Predigt gelauscht hatten, hat er abends nicht gesagt: „So, liebe Leute, genug für heute. Geht nachhause, und eine gute Nacht!“ Nein, er hat hingeguckt, und dann kam es ganz anders. Beim Evangelisten Johannes (6,5) heißt es: „Und Jesus blickte auf und sah eine große Menschenmenge zu ihm kommen.“ Jesus hat genau hingeschaut, was um ihn herum passiert, wer ihm begegnet. Und er hat gesehen, wonach sich die Menschen sehnen, wonach sie hungern. Dann hat er sie sich setzen lassen in Gruppen, hat die Brote und Fische, die ein Kind dabeihatte, verteilen lassen. Und dann haben alle gesehen, wie gut die Gemeinschaft, das Teilen und das Sattwerden sein kann. Die sogenannte „Speisung der 5000“, ein Wunder, das mit einem „Augen-Blick“ begonnen hat.

Traut euch! Schaut euch in die Augen! Auch wenn ihr die andere Person vielleicht nicht kennt, solche „Augen-Blicke“ können Wunder bewirken.

„Augenblick mal – war das nicht gerade…?!“ Dann anhalten, Sonnenbrille ab (Helm kann auf dem Kopf bleiben) und eine Plauderminute einlegen.
„Augenblick mal – war das nicht die, die vor kurzem auch auf der Demo war?!“ Dann Mut fassen, rübergehen und loben: „Deine Rede für Menschenfreundlichkeit war echt toll!“
„Augenblick mal – war da außer Corona nicht noch etwas anderes?!“ Dann sich daran erinnern und anderen erzählen, von einem schönen Erlebnis am Wochenende, von der Idee für ein gutes Klima in der Nachbarschaft und für die Welt, von…

Halten wir die Augen offen füreinander! Und genießen wir die Augenblicke miteinander!
Euch allen wünsche ich eine gute Woche mit wunderbaren „Augen-Blicken“.

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"Gott, Mensch, Freiheit"    (Joachim, 22.06.20)

Vor ziemlich genau vier Jahren wechselte ich meine Gemeindestelle (50%) von der kath. Kirche in Marbach nach Freiberg-Pleidelsheim-Ingersheim.  (mit den anderen 50 % bin ich seit 2006 ja hier in Ludwigsburg Hochschulseelsorger) Damals, 2016, schrieb ich einen Artikel, über den ich dieser Tage wieder „gestolpert“ bin. Als ich ihn las, bemerkte ich, dass er nach wie vor etwas Wertvolles enthält, nämlich das Wort eines großen Theologen zu Beginn dieses 21. Jahrhunderts. Dieses sein Wort spricht natürlich ohne jeden Bezug zu Corona und doch – wie mir scheinen will – gibt es uns liebevoll eine Erkenntnis an die Hand, in welcher Richtung wir vielleicht nach Corona Antworten suchen können auf die unausweichliche Frage, was Gott mit Corona zu tun hat.  

Damals schrieb ich: Was bleibt? Letzte Worte oder Worte des Abschieds bleiben mitunter prägnant im Gedächtnis derer, die bleiben - manchmal als Schatz oder als Erbe, als Mitgift und Wegweiser. Das Wort eines großen Theologen unserer Zeit trägt einen solchen Schatz in sich. Prof. Thomas Pröpper aus Münster schrieb während einer jahrelangen schweren Krankheit, an der er 2015 verstarb, sein größtes Werk; es erschien 2011 und trägt den Titel: Theologische Anthropologie. Pröpper geht darin der Frage nach: Wer und was ist der Mensch in christlicher Sicht? Was sagen der Glaube und die Theologie über die Würde des Menschen. Zugespitzt die Antwort: Der Mensch ist von Anfang an zur Gemeinschaft und Freundschaft mit Gott erschaffen. Und in dieser Antwort findet sich dann die Aussage, ja die Zusage, die mich in meinem Glauben wie nur wenig andere in den letzten Jahren bewegen und umtreiben. Ich gebe Ihnen „dieses Erbe“ aus Thomas Pröppers großem Werk […] von Herzen gerne weiter. Denn es fügt zusammen, es verdichtet, es konzentriert in wenigen Zeilen, was die Freundschaft Gottes mit uns Menschen auszeichnet:

Thomas Pröpper schreibt: „Seinen Anspruch auf die Menschen hat Gott nicht mit Macht durchgesetzt, sondern er hat sie für sich zu gewinnen versucht und sich deshalb an ihre unbedingte Würde gebunden. Nicht irgendetwas wollte er ja von uns, Bewunderung bloß oder Gehorsam, sondern die Antwort unserer Liebe und das heißt: uns selbst in unserer Freiheit – ist diese doch auch für Gott das einzige Tor, um in des Menschen Herz zu gelangen. Also hat er die Freiheit, die er suchte, anerkannt und geachtet – und dies so ernsthaft und konsequent, wie wir es im Verhalten Jesu und der entschiedenen Treue seines Weges bis an sein ohnmächtiges Ende erkennen. Und indem er sich so von uns abhängig machte, gab er uns die Möglichkeit, ihm, Gott gegenüber großzügig zu sein“.*

Ich habe dieses Wort Pröppers als einen Glaubensschatz erfahren, als „seine Mitgift“ für die Menschen und die Christen im 21. Jahrhundert. Man muss sich dieses Wort zusagen lassen, es mehrmals lesen und „im Mund und im Herzen zergehen lassen“, […]

* Aus Thomas Pröpper, Theologische Anthropologie, Freiburg im Breisgau 2011

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"Perspektivwechsel"    (Stephan, 15.06.20)

Manchmal ist unser Blick gefangen. Wir stehen vor Herausforderungen des Lebens und sehen nichts anderes. Dann hilft es, die Perspektive zu wechseln – vielleicht so:

Bäume sind Büsche auf Balken.
Schrauben sind Nägel mit Falten.
Zugfahren ist Fließen auf Gleisen.
Flüsse sind Meere auf Reisen.

Mit dieser Strophe beginnt das Gedicht „Zeit für Lyrik“ von Sebastian 23, das ich in diesen Tagen entdeckt habe. Und ich war sofort begeistert. Ja, so kann man es auch sehen – wenn man die Perspektive wechselt und anders auf das schaut, was uns so wohlbekannt erscheint. „Sebastian 23“ ist ein angesagter Poetry Slammer und Wort-Akrobat. Er jongliert mit Worten und Sichtweisen – und das kann richtig Spaß machen und einen gedanklich in Schwung bringen. Deshalb hier noch eine Strophe aus „Zeit für Lyrik“, für euch zum Schmunzeln und Nach-Denken:

Beine sind Arme zum Laufen.
Mauern sind sehr gerade Haufen.
Sekunden sind Stunden, die rennen.
Eier sind werdende Hennen.

Die Perspektive wechseln, eingefahrene Denkstrukturen aufzubrechen, das kann richtig gut tun und uns neu ausrichten. Jesus war auch einer, der uns eingeladen hat, die Perspektive zu wechseln und das Leben neu zu sehen. Bei ihm klang es etwa so:

Kinder sind Erwachsene ohne Eitelkeit.
Arbeit ist Pause in der Freizeit. (oder umgekehrt!)
Hunger ist Sattwerden doch später.
Gott ist Liebe als Wiederholungstäter.

Ich wünsche mir und Euch, dass es uns öfters gelingt, das Altbekannte auf den Kopf zu stellen. Es hilft, Probleme leichter zu nehmen, und Schönes wieder schätzen lernen. Probiert es einfach aus, mutig, frech und mit einem Augenzwinkern:

Montage sind…; Prüfungen sind…; Corona ist…
Die Sonne ist…, Bücher sind…, Hoffnung ist…, Leben ist…

Als Anregung für Euch nochmals zwei Zeilen von Sebastian 23, die mir besonders gefallen:  

Schränke sind Häuser für Sachen.
Und Weinen ist trauriges Lachen.

Wenn ihr einen schönen Gedanken oder eine Strophe gefunden habt, schreibt mir Euren „Perspektiv-Wechsel“, denn das ist das Allerbeste, wenn wir es noch miteinander teilen.

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"zwischen Leben und Tod"    (Joachim, 08.06.20)

Vielleicht könnt Ihr das Wort „Corona“ schon nicht mehr hören – aber ich hoffe dennoch, dass Ihr weiterlest. Es geht auch weniger um Corona selbst, als darum, was die täglichen Zahlen aus der ganzen Welt in uns bewirken. Eine davon ist die Zahl der an Covid19 Verstorbenen.
Möglicherweise kennt Ihr auch mehr als nur Zahlen und wisst um jemanden ganz Konkreten, der erkrankt (und hoffentlich wieder genesen) oder aber der daran gestorben ist. Dann bekommt Corona mit einmal einen Namen, meint einen ganz bestimmten, mir lieb und vertraut gewordenen Menschen.
Doch allein schon die Zahlen, die jeden Tag aktualisiert werden: sie erschrecken, wenn sie steigen, sie beruhigen etwas, wenn sie zurückgehen. Aber Zahlen bleiben abstrakt; bei uns in Deutschland zum Glück „nur“ 8700 Tote bis jetzt. In manch anderen Ländern sind es viel mehr, und wie viele Leben es noch kosten wird …?

Die Zahlen, die der Tod schreibt, erschrecken uns vielleicht und gleichzeitig verharmlosen sie, was da vor sich geht, was da mit jedem einzelnen alten oder jungen Menschen geschieht, der die Krankheit durchlebt und sie nicht überlebt. Und das ist der Grund für das Wort, das ich Euch heute schreiben und geben möchte. Es spricht die Tragödie eines jeden einzelnen Sterbens aus, die Tragödie, die die Zahlen – so wichtig sie sind – nicht zum Ausdruck bringen können und die diesen Zahlen ein menschliches Antlitz zu geben vermögen.

Der 2017 verstorbene russische Dichter Jewgenij Jewtuschenko findet in einem Gedicht die Worte, die dem Unausweichlichen ungeschminkt ins Gesicht sehen. Als ich seine Zeilen zum ersten Mal begegnete (während meines Studiums) erschauderte ich; so dem wirklichen Leben zugewandt und gleichzeitig den Tod schonungslos in Blick nehmend hatte ich bis dahin noch nichts über den Tod und dessen Raub gelesen. Im Angesicht der täglichen Todeszahlen, die durch Corona geschrieben werden, halte ich die Fragen, die das Gedicht stellt, umso mehr für unausweichlich.

Jewtuschenko schreibt:

Jeder hat seine eigene, geheime, persönliche Welt.
Es gibt in dieser Welt den besten Augenblick,
es gibt in dieser Welt die schrecklichste Stunde;
aber dies alles ist uns verborgen.

Wenn ein Mensch stirbt,
dann stirbt mit ihm sein erster Schnee
und sein erster Kuss und sein erster Kampf –
all das nimmt er mit sich.

Was wissen wir über die Freunde, die Brüder,
was wissen wir von unserer Liebsten?
Und über unseren eigenen Vater
wissen wir, die wir alles wissen, nichts.

Die Menschen gehen fort –
Da gibt es keine Rückkehr.
Ihre geheimen Weiten können nicht wieder entstehen.
Und jedes Mal möchte ich von neuem
diese Unwiederbringlichkeit hinausschreien…

Jewgeni Jewtuschenko

Kein erbauliches Wort, das ich Euch heute da heute zumute; ein herausforderndes ist es und vielleicht sogar ein bereicherndes, den es lässt den Wert eines Lebens auf so ungeheuerliche Weise aufscheinen. Und es ist ein Wort, das uns eine Antwort abverlangt – ein Leben lang.

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"das Wunder des Verstehens"    (Stephan, 01.06.20)

"Ein wundervolles Pfingstfest“ hat mir vor kurzem jemand gewünscht, und das wünsche auch ich euch allen. Ein „wunder-volles“ Pfingstfest passt prima, denn Pfingsten ist ja wirklich ein Fest voller Wunder, schon damals als Gottes Geist über die Jünger kam (findet ihr in der Apostelgeschichte Kapitel 2):

1. ein „Sturm-Wunder“: die antriebslosen Jünger Jesu bekommen Rückenwind.
2. ein „Feuer-Wunder“: die ängstlichen Jünger Jesu sind wieder Feuer und Flamme.
3. ein „Sprachen-Wunder“: die sprachlosen Jünger Jesu finden Hoffnungsworte.

Das dritte Wunder finde ich dieses Jahr besonders faszinierend, in Zeiten, in denen es uns manchmal die Sprache verschlägt, da ein fieses Virus so Vieles in Frage stellt.
Die Jünger damals gingen, bewegt vom Heiligen Geist, auf die Straßen und Plätze und sprachen von Jesus, vom Leben, von Hoffnung. Alle, die sie hörten, egal welche Muttersprache sie sprachen, haben es verstanden! Was für ein Verstehens-Wunder!
Ihr lernt in eurem Studium, egal ob an der PH, HVF, Filmakademie oder ADK, auf besondere Weise das Verstehen. Und ihr lernt, wie ihr auch anderen das Verstehen nahebringen könnt, in Schulen und Ämtern oder Rathäusern, in Filmen oder auf der Bühne.
Nicht immer ist es so einfach mit dem Verstehen – auch nicht damals am ersten Pfingsten: Alle haben die Worte der Jünger verstanden, aber die Reaktionen waren verschieden. Die einen wurden von der Be-GEIST-erung angesteckt und haben sich taufen lassen. Andere haben es nicht glauben können und haben gespottet: „Die Jünger sind wohl besoffen!“ Und wiederum andere standen dazwischen und wussten nicht so recht, was sie davon halten sollen.
Verstehen ist eben nicht eindimensional, sondern hat mindestens 3 Seiten. So hat es der Kommunikationspsychologe Friedemann Schulz von Thun beschrieben:

  1. Verstehen: Ich verstehe, was mir jemand sagt; der Sinn der Worte ist mir klar.
  2. Verständnis: Ich kann nachvollziehen, was der andere meint.
  3. Einverständnis: Ich stimme zu, heiße es gut, teile den Standpunkt.

Nehmen wir als Beispiel die Demos gegen die Corona-Beschränkungen.
Kann ich verstehen. Ich habe auch schon viel in meinem Leben demonstriert.
Habe ich in gewisser Weise auch Verständnis. Auch ich schätze unsere Freiheit sehr hoch ein.
Aber einverstanden bin ich nicht. Und das hat ein bisschen mit Pfingsten zu tun, dem Fest, an dem der Geist das Leben in Schwung gebracht hat. Das Leben und die Gesundheit gerade derjenigen, die gefährdet sind, liegen mir am Herzen. Da gilt es manchmal eben auch, Geduld zu haben und Einschränkungen zu akzeptieren. Das Leben zu schützen und nun auch langsam wieder in Schwung zu bringen, funktioniert für mich nicht mit Parolen brüllen, sondern indem wir sprechen, überlegen, miteinander aushandeln, was der richtige Weg ist, in Politik und Wirtschaft, in unseren Städten, Hochschulen und Kirchen, und unter uns im Privaten.
Da braucht es offene Ohren für die Bedürfnisse der Menschen, einen klaren Kopf für die Erkenntnisse der Wissenschaft und ein weites Herz für ein „gesundes“ Miteinander.

In diesem Sinne wünsche ich euch für diese Pfingsten und die Pfingstferien offene Ohren, klare Köpfe, weite Herzen und immer wieder ein Wunder!

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"15 Sekunden gute Nachrichten"    (Stephan, 25.05.20)

Liebe Studentinnen und Studenten, liebe Freunde und Freundinnen der ESG-KHG,
Nachrichten von diesem Wochenende: Knapp 20 Corona-Infizierte nach Restaurant-Besuch in Ostfriesland, mehr als 100 müssen in Quarantäne. Mehr als 100 Infizierte nach Gottesdienstbesuch in Frankfurt. Das gibt´s doch nicht: Wir dachten, es wird langsam besser, doch da kommen sie wieder, die schlechten Nachrichten. Oder kommt es uns nur so vor, dass es wieder schlimmer wird? Könnte sein, und wenn ja, dann hat es mit unserem Kopf zu tun. Denn schlechte Nachrichten schlagen sofort in unserem Gehirn an, und nachhaltig. Gute Worte, positive Schlagzeilen haben es dagegen schwer. Es braucht 15 Sekunden, bis unser Gehirn darauf reagiert. 15 Sekunden müssen wir das Positive festhalten, dann wirkt es. So haben es amerikanische Hirnforscher festgestellt.
Davon habe ich vergangene Woche im Taizé-Gebet erzählt. Und was passierte danach? Es kamen eine Menge guter Nachrichten! War es eine gute zweite Wochenhälfte oder hat sich mein Kopf auf den 15-Sekunden-Modus umgeschaltet und hat die guten Schlagzeilen festgehalten? Wie auch immer: Ich will euch mitnehmen und auf das Gute einstellen, mit ein paar 15-Sekunden-Geschichten der vergangenen Tage:

* Der Brite Tom Moore wird zum Ritter geschlagen. Das hat der britische Premier vergangenen Mittwoch kurz nach unserem Taizé-Gebet bekannt gegeben. Tom Moore, vielleicht habt ihr schon von ihm gehört. Er hat einen Spendenaufruf für den britischen Gesundheitsdienst NHS gestartet und hat dafür vor seinem 100. Geburtstag 100 Runden mit seinem Rollator in seinem Garten gedreht. Er wollte damit 1000 Pfund an Spenden sammeln. Am Ende waren es knapp 33 Millionen Pfund (etwa 37 Millionen Euro) - Guinness-Weltrekord für die höchste Summe, die jemals bei einem Spendenlauf zusammenkam. Und dann hat Moore noch einen Nr.1-Hit gelandet, mit einer Version der Fußball-Hymne „You’ll Never Walk Alone“. Der 100-Jährige freute sich: „Meine Enkelkinder können nicht glauben, dass ich die Charts anführe!“ Zu seinem 100. Geburtstag hat Tom Moore 125.000 Geburtstagskarten aus der ganzen Welt erhalten. Ein 100-Jähriger, der in einer Krise etwas Gutes in Bewegung gebracht hat – eine wirklich gute Geschichte!

* Andere wurden nicht zum Star, aber ihre Geschichten sind mindestens genauso gut:
- Rund um Kapstadt bekämpften sich jahrzehntelang verfeindete Banden. Doch jetzt haben sie einen Waffenstillstand vereinbart und versorgen zusammen Haushalte in Not mit Nahrungsmitteln. „Was wir hier sehen, ist buchstäblich ein Wunder," sagte Pastor Andie Steele-Smith.
- Wissenschaftler sagen, sie hätten noch nie zuvor eine solche weltweite Zusammenarbeit in der Forschung gesehen. Prof. Sarah Gilbert leitet ein Team von engagierten Forscherinnen, um einen Impfstoff gegen Covid-19 zu finden. Eine globale Allianz hat jetzt 7,4 Milliarden Euro zugesagt, um sicherzustellen, dass ein Impfstoff auch an ärmere Länder geliefert werden wird.
- Portugal hat allen Geflüchteten und Asylbewerbenden im laufenden Verfahren die vorübergehende Staatsbürgerschaft während der Corona-Krise verliehen und ihnen damit Zugang zu kostenloser Gesundheitsversorgung, Sozialleistungen, Bankkonten und Mietverträgen gewährt. Damit geht Portugal als Vorbild für alle anderen Ländern voran.
    (Quelle: Avaaz, das Online-Netzwerk für globale politische Kampagnen zu Klimawandel, Menschenrechte, Tierschutz, Armut und Gewalt u.a.)

* Ein anderer, der viele gute Geschichten („Evangelium“) erzählt hat, war Jesus. Eine kleine ist mir gestern wieder in den Sinn gekommen. Sie ist kürzer als 15 Sekunden, bleibt aber trotzdem hängen: Das Gleichnis vom verlorenen Geldstück Lk 15,8ff
„Stellt euch vor: Eine Frau besitzt zehn Silbermünzen. Wenn sie eine davon verliert: Wird sie da nicht eine Öllampe anzünden, das Haus fegen und in allen Ecken suchen, bis sie das Geldstück findet? Und wenn sie es gefunden hat, ruft sie ihre Freundinnen und Nachbarinnen zusammen und sagt: ›Freut euch mit mir! Ich habe die Silbermünze wiedergefunden, die ich verloren hatte.‹ Das sage ich euch: Genauso freuen sich die Engel Gottes über einen mit Schuld beladenen Menschen, der sein Leben ändert.“ Wie wertvoll doch ein jeder und jede von uns ist, dass Gott nach uns sucht und die Engel sich freuen!

* Und wir müssen gar nicht so weit in die Welt oder zurück in die Vergangenheit schauen, gute Geschichten gibt es auch ganz nah:
Ich habe von Studierenden gehört, die gerade im Rettungsdienst oder bei ihrer freiwilligen Feuerwehr im Einsatz sind. Andere schauen nach Geflüchteten in diesen schwierigen Zeiten. Wiederum andere kümmern sich um ihre Eltern, Großeltern oder Nachbarn. Auf einer unserer Hoffnungstauben, die wir gesammelt haben, hat eine Studentin geschrieben: „I believe I can fly – auch in diesen Zeiten“. Andere haben Hoffnungsworte auf ihren Tauben gesammelt: Lebensfreude, Zusammenhalt, miteinander lachen und weinen, tanzen und singen, stay in touch… So viele gute Hoffnungsworte!

Jetzt seid ihr dran. Meine Gedanken zur Woche sind mit den vielen guten Geschichten schon längst über den 15 Sekunden drüber (sorry!). Jetzt sind Eure 15-Sekunden-Geschichten gefragt. Was habt ihr in den letzten Tagen an Gutem erlebt, gehört, gesehen, gelesen? Erinnert Euch mindestens 15 Sekunden lang, erzählt sie weiter oder schreibt sie mir! Ich freue mich auf noch mehr gute Geschichten und sammle sie. Euer Stephan

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"Machen - Sein - Sinn"    (Joachim, 18.05.20)

Fast unbemerkt hat es sich breit gemacht in unserer Alltagssprache, das Allerweltsverb „machen“. Wenn man genau zuhört wie „man“ spricht, ahnt man, dass sich etwas verschoben hat und wie „mächtig“ wir in unserer Sprache geworden sind: Was machen wir nicht alles, wo wir vor einigen Jahren noch vielfältig anders tätig und unterwegs waren.
Heute macht ein Fußballspieler (s)ein Tor, wo er einst eines schoss oder erzielte. Der Mensch begeht keine Fehler mehr, er macht welche. Menschen „machen Frieden“ oder sie „machen einen auf Optimismus“. Solche Banalisierungen, so mag man denken, kann man doch hinnehmen. Doch unser Denken ist an unsere Sprache gebunden; und so vollzieht sich auch ein Wandel in unserer Mentalität. Wenn in der Sprache „machen“ so dominierend geworden ist, dann gelangt auch das Leben und das Dasein immer mehr in den Bereich des „Machbaren“. Wir entdecken dann nicht Unterschiede, die da sind oder die gegeben sind, und also sagen wir dann auch nicht mehr: da (bzw. das) ist ein Unterschied, sondern „das macht ein Unterschied“. Auf die Liebe bezogen: Ist es (nur) ein (sprachlicher) Unterschied, ob Menschen sich lieben oder ob sie Liebe machen? Und wir von der Hoffnung sprechen, die einen Menschen ja tief bewegen kann, die ihn im Innersten auf das Gute, auf das Schöne, auf das Sinnvolle hin ausstreckt, kann man dann „Hoffnung“ wie das Produkt einer Herstellung beschreiben, indem man sagt: Es macht Hoffnung? Dass etwas Hoffnung gibt, Hoffnung schenkt, oder dass Hoffnung geweckt werden kann, kommt erst aus der Sprache und dann auch aus dem Sinn? Und selbst dieser wird inzwischen fast unisono gemacht. Einst „hatte“ etwas Sinn, trug bergend etwas in sich, was sich jenem, der es entdeckt und gefunden hat, als sinn-voll erschloss; jetzt aber scheint alles „Sinn zu machen“. Selbst bei Kleinigkeiten oder gar Banalitäten spricht man von „Sinn machen“, wo es genau genommen lediglich um praktische Lösungen geht. Ist diese Inflation des „Sinn-Machens“ vielleicht ein Indiz für Sinn-Verlust?
Viktor Frankl (1905-1997), der Begründer der Logotherapie, musste sich (ob er wollte oder nicht) Gedanken machen um den Sinn - um den Sinn des Überlebens! Als Jude wurde er mit seiner Frau und seinen Eltern 1942 nach Theresienstadt deportiert. Sein Vater starb dort, seine Mutter wurde in Auschwitz ermordet und seine Frau starb im KZ Bergen-Belsen. Er selbst kam nach Auschwitz, dann nach Dachau, wo er im April 1945 befreit wurde. Ein Jahr später bereits, 1946, verfasste er sein Buch: „Trotzdem ja zum Leben sagen“ und wenige Jahre darauf: „Der Mensch vor der Frage nach dem Sinn“. Die Erkenntnisse, die ihm auf der einen Seite das Leben und auf der anderen Seite seine Arbeit als Wissenschaftler und Neurologe ins Herz geschrieben haben, bringt er darin zum Ausdruck. Er findet darin Worte und Gedanken, die sich unserer „sprachlichen Mächtigkeit“ und unserer sprachlichen Achtlosigkeit entgegenstellen. Aus der Begegnung mit dem Leid und dem eigenen Ja zum Leben schreibt Frankl (zu einer Zeit da man im Deutschen noch von „Sinn haben“ sprach): „Sinn kann nicht gegeben, sondern muss gefunden werden“, und: „Sinn muss gefunden werden, kann nicht erzeugt werden“.

Religion und unser Glaube geben und schenken und sind Vieles, aber sie machen keinen Sinn. Sie laden ein, sie locken, sie werben, sie suchen Sinn zu entdecken; jenen Sinn, der dem Leben Hoffnung schenkt – meinem Leben und dem Leben eines jeden Menschen und unserer ganzen Welt.

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"Hoffnungsfaden"    (Stephan, 11.05.20)

Hoffnung ist schon eine seltsame Sache. Früher hofften wir auf Frieden in der Welt, auf ein bisschen Glück oder die große Liebe. Und jetzt? Hoffen die Kleinen, dass die Spielplätze wieder offen sind, und die Großen, dass die Biergärten wieder öffnen. Alle miteinander hoffen wir, dass wir wieder unsere Freunde besuchen und Feste feiern dürfen, und dass die Corona-Zeit vorbeigeht. Manchmal sind es große Hoffnungen, manchmal sind wir auch mit kleinen Hoffnungen zufrieden.

Hoffnungs-Funken, so nennen wir die kleinen Lichter im Dunkeln, die uns Mut machen weiterzugehen. Hoffnungs-Faden, so müsste es eigentlich jetzt gerade heißen. Kleine Fäden, an denen wir uns festhalten können. Auf Flüssen oder Bergen gibt es solche Hoffnungsfäden, naja, es sind eher Seile. Auf der Enz z.B. sind solche Seile vor Schleusen über den Fluss gespannt. Kanufahrer, die es nicht vorher schaffen, können sich hier am Seil festhalten und ans Ufer ziehen. In den Bergen, wenn es über Gletscher oder Berg-Grate geht, bilden wir Seilschaften, um uns vor dem Absturz zu sichern. Solche Sicherungsseile sind oft aus einzelnen Fäden gedreht – Hoffnungsfäden im überlebenswichtigen Sinn.

Hoffnung und Seil sind auch in der Bibel eng miteinander verwoben. Im Hebräischen, der Sprache des Alten / Ersten Testaments heißt eins der Worte für Hoffnung übersetzt auch Seil.

Bei Hiob, dessen Leben total aus dem Ruder läuft, kommt Hoffnung besonders oft vor, die verlorene und die ersehnte Hoffnung. In den Psalmen wird oft alle Hoffnung in Gott gesetzt, wie in Psalm 71,5: Du bist meine Zuversicht, HERR, mein Gott, meine Hoffnung von meiner Jugend an. Im Josua-Buch wird das gleiche Wort für ein Seil verwendet, ein rotes Seil, das zwei Kundschaftern und der Prostituierten Rahab und ihrer Familie das Leben rettet. Könnt ihr nachlesen bei Josua, Kapitel 2 und dann 6,22ff.Kita Gruß

Manchmal gibt es schlimme Zeiten, Krieg oder Krankheit. Wie gut, wenn es dann Rettungsseile gibt, gedreht aus vielen Hoffnungsfäden – wie auch jetzt in Corona-Zeiten:

- Fäden, aus denen Mund-Nase-Masken genäht sind. Es ist nicht schön, dass wir unsere Gesichter verstecken müssen, aber was da an schönen, kreativen, einfachen oder witzigen Masken genäht wird, ist phänomenal. Und es hilft uns, gesund zu bleiben.

- Fäden und Schnüre, mit denen bemalte Leintücher an Kindergärten und Schulen aufgehängt sind: „Ihr fehlt uns“ steht dort unter gemalten Regenbogen. (Rechts ein Bild von der KiTa über unserer ESG-KHG) Für mich sind es Hoffnungszeichen, dass wir gerne zusammen sind und uns auch schon darauf freuen, wenn es wieder möglich sein wird. 

- Fäden, aus denen ein ganz besonderes Netz geknüpft ist: das Inter-Net. Digitale MB- oder GB-Fäden, die uns helfen, in Verbindung zu bleiben.

Die Hoffnungsfäden, die uns gerade verbinden, sind aus Geduld und Vertrauen, aus Vernunft und Träumen hergestellt. Geduldig harren wir aus. Wir vertrauen darauf, dass es besser wird. Vernünftig halten wir uns an die Regeln. Wir träumen aber auch davon, wie schön es wieder sein wird, danach…

Ich wünsche euch, dass ihr an dem einen oder anderen Hoffnungsfaden anknüpfen könnt, oder dass ihr selbst einen Hoffnungsfaden spinnen, drehen, zwirnen oder weben könnt, und dass es mit und für euch viele kleine oder große, auf jeden Fall tragende Hoffnungsnetze werden.

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"Ort der Stille"    (Joachim, 04.05.20)

Corona hält uns in Schach, aber setzt uns nicht matt! Für Viele scheint das Leben langsamer zu gehen, es drängen weniger Termine und auch die Freizeit hetzt einen nicht mehr von einem zum nächsten Event.
Also eigentlich eine Zeit für Ruhe. Und dennoch – zumindest bei mir – will sich Ruhe, also eine innere Ruhe nicht wirklich einstellen. 
Es gibt Orte, die strahlen Ruhe aus. Ich erinnere mich an ein einen Moment am Kap Arkona an der Spitze der Insel Rügen, wie ich den Wellen lauschte, die in einem gleichmßigen Rhythmus gegen die Klippe brandeten, und wie mir der Wind eine angehme Briese ins Gesicht wehte. Auch Augenblicke in der einen oder anderen Kirche gehören dazu. Kirchen oder Kapellen können und wollen Orte sein, die der Ruhe die Türe öffnen. Und schließlich sind da auch Bilder, die einen in Bann ziehen und die Unruhe draußen zu lassen.
Es ist schon ein paar Jahre her, da bin ich auf das Bild einer neu gebauten Kapelle gestoßen. Sie wurde an einem einsamen Ort, einem eigentlich schon verlassenen Ort tief in Valle Maggia im Tessin errichtet. Das Bauen an diesem Ort ist für sich genommen schon ein höchst mutiges und von einer umwerfenden Zuversicht getragenes Abenteuer. Diese Kapelle bzw. dieses Bild von ihr, hat mich tatsächlich in seinen Bann gezogen. Und wenn ich irgendwann mal wieder ins Tessin kommen sollte, so möchte ich sie besuchen, in ihren Raum eintreten und schauen und verweilen … und singen.
Eine Betrachtung zu San Giovanni in Mogno, Tessin, Valle Maggia, Bergkirche, erbaut 1997 von Mario Botta:Mogno Botta Kapelle pixabay Albi Perrig

Zur Mitte finden
Ein leerer Kirchenraum
spartanische Ausstattung / obenan zentriert: ein Kruzifix
öffnet sich dem Besucher / öffnet sich dem Betrachter
eingegangen in den Raum der Kapelle
Ein leerer Kirchenraum
durchflutet im Tageslicht / erfüllt vom Himmel / geerdet in Steinen
Marmor und Gneis, Weiß und Grau bündeln zur Mitte hin
Ein leerer Kirchenraum
offen / konzentriert auf diese Mitte / zentriert Raum und Leere
alles auf die Leere in der Mitte / erfüllte Leere über leerem Altar
Ein leerer Kirchenraum
Kunst des menschlichen Geistes / Architektur höchster Ästhetik
Ausdruck des Lebens / Eindruck des Glaubens
Ein leerer Kirchenraum
lässt Raum meinem Geist / lässt Geist in den Raum
lässt der Stille und dem Licht die Fülle
„Denn siehe, dies ist die Stille,
den Herrn in uns ein Wort sprechen lassen, das er selbst ist“
(Zitat aus dem Film: „Die große Stille“ von Philip Gröning)

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"systemrelevant"    (Stephan, 27.04.20)

Corona-Krise, Kontaktverbot, Fallzahlen – was wird wohl „Wort des Jahres 2020“ werden? Ich könnte mir ein Wort vorstellen, das auch mit der Pandemie zusammenhängt: „systemrelevant“.

Systemrelevant – es sind jetzt Berufe, die vorher kaum jemand beachtet hat: Verkäuferin, Lastwagenfahrer, Krankenschwester, Altenpfleger.

Systemrelevant – es sind jetzt Tätigkeiten, die vorher niemand auf dem Schirm hatte: Homeschooling und -studying, Mundschutz nähen, in Podcasts Viren erklären.

systemrelevant

Systemrelevant – das wird jetzt sogar für Gottesdienste heiß diskutiert, wann und wie Kirchen und andere Gotteshäuser wieder öffnen sollen.

„Systemrelevant“, es muss das „Wort des Jahres 2020“ werden! Denn mal ehrlich, wer hat vor einem halben Jahr dieses Wort benutzt? Ich nicht! Und da bin ich nicht der einzige. Schaut euch die Wortverlaufskurve für „systemrelevant“ an, die ich im Internet gefunden habe:

„Systemrelevant“, ein hochaktueller, topmoderner Begriff. Was er ausdrückt, gab es früher schon, auch wenn man anders dazu gesagt hat: bedeutsam, entscheidend, unentbehrlich, zentral, elementar oder ganz einfach: wichtig.

„Was ist das Wichtigste?“ – wurde Jesus immer wieder gefragt. In seiner Bergpredigt hat er mit einem anderen, wunderschönen Wort geantwortet: „selig“. Was ist wichtig, wer ist selig? Und Jesus antwortete: die Sanftmütigen und Barmherzigen, die reinen Herzens und geistlich arm sind, die Friedenstifter und noch manch andere. (schaut im Neuen Testament bei Matthäus, Kapitel 5 nach, wer noch alles dazugehört). Alle die sind systemrelevant, wichtig, selig. „Makarios“, das griechische Wort, das in der Bibel mit „selig“ übersetzt wird, heißt auch „glücklich“.

Ich verstehe Jesus so: Wichtig sind alle, die Glück geben oder sich Glück schenken lassen. Und dazu zählt Jesus nicht nur diejenigen, die Großartiges leisten, sondern alle. Jede und jeder gehört dazu, ich und du, weil wir alle ein Glück für diese Welt sind, weil ein entscheidendes Puzzle-Teil fehlen würde, wenn es eine oder einen von uns nicht gäbe.

Was hat Glück mit Systemrelevanz zu tun? Für Jesus alles, denn Glück war für ihn nicht nur ein persönlicher Gefühlszustand, sondern stand in enger Beziehung mit dem gesamten System: mit dem Leben, der Gesellschaft, der Ökonomie, mit Frieden und Gerechtigkeit und mit Glauben. Systemrelevant sind derzeit das Abstandhalten und Zuhausebleiben, der Epidemiologe und die Desinfektionsmittelfabrik. Aber es zählen auch alle und alles dazu, das zum Glück gehört und das wir zum Glück beitragen können, für uns selbst und für andere, Großes oder Kleines.

In diesem Sinne wünsche ich Euch für diese Woche: Haltet Eure Augen und Ohren offen, und eure Hände und Herzen, für das Glück in diesem Leben und in Euch selbst,

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Gerechtes Tun in wankenden Zeiten  (Joachim, 21.04.20)

Vor einigen Jahren habe ich mir einige Psalmverse ausgesucht und aufgeschrieben und dieser Tage wieder einmal darin geblättert. Und dann bin ich gleich an diesen Versen hängengeblieben:

Gerät alles ins Wanken?

Was kann ein Gerechter noch tun?

Gerecht ist der Herr,

gerechte Taten liebt er.

Redliche schauen sein Angesicht. Ps 11,3.7

So möchte ich dazu einen nur kurzen - hoffentlich aufhellenden - Gedanken in unserem Rundbrief für diese zweite Osterwoche schreiben.

Ein kleines Virus bringt so Vieles ins Wanken und es zeigt, wie ungerecht das Leben zu sein scheint.

Gottes Wirklichkeit leuchtet wohl gerade dort auf, wo es uns auch im Kleinen und Alltäglichen gelingt, Gerechtigkeit, seine Gerechtigkeit, zu leben. Das muss wahrscheinlich nicht immer oder eine handfeste Aktion sein, ein aktiver Einsatz, (Gottes) Gerechtigkeit kann sich auch darin ereignen, ein Lied anzustimmen, das von Hoffnung singt, von der Freude, vom Staunen, ...; die Vögel des Himmels, von denen Jesus in der Bergpredigt erzählt, haben es wohl verstanden, wie Andrea Schwarz es in einem kurzen Gedicht bemerkt:

Vögel singen

in einer Welt

die krank

lieblos

ungerecht ist

vielleicht

haben sie recht                Andrea Schwarz

Wenn Ihr ab und zu (so) ein Lied anstimmt, möge es Euch und die es Hören in der Seele erwärmen!

Euch eine gute - und Euch von der PH eine gute erste - Semesterwoche

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"nicht berühren!"    (Stephan, Ostermontag, 13.04.20)

frohe Ostern wünsche ich Euch allen. Ich hoffe, ihr könnt auch in diesem Jahr für Euch Ostern feiern. Ja, „feiern“, denn Ostern ist ja das Fest, das uns Kraft und Freude schenkt, gerade auch in schwierigen Zeiten. Denn es ist das Fest des Lebens.

Dazu ein „Gedankenspiel“, das mir am heutigen Ostermontag in den Sinn kam:

„Berühre mich nicht!“ Das hört sich wie ein Warnhinweis auf einem der vielen Corona-Schilder an, oder wie ein Ausruf auf der Straße, wenn sich zwei treffen.

„Berühre mich nicht!“ Das hat aber einer schon viel früher gesagt, vor knapp 2000 Jahren. „Berühre mich nicht!“, steht in der Ostergeschichte. Glaubt ihr nicht?! Dann lest im Johannesevangelium, Kapitel 20, Vers 17 nach.

Maria ist eine der ersten am Ostermorgen am Grab Jesu. Sie hört, dass Jesus auferstanden ist, und versteht es nicht. Sie trifft Jesus im Garten und erkennt ihn nicht. Sie hört wie er sie liebevoll ruft „Maria!“, und dreht fast durch vor Freude. Der, der gestorben ist, lebt wieder. Der Tod war nicht das Ende, sondern der Anfang eines neuen Lebens.

Klar, würde auch ich da wahrscheinlich einen Luftsprung machen, einen Freudenschrei loslassen und die Welt umarmen wollen, oder zumindest den einen, der wieder lebt. So sicher auch Maria: Jesus umarmen, ihn drücken und nie mehr loslassen, voller Freude, Liebe und Lebendigkeit. Doch dann die Worte Jesu: „Berühre mich nicht!“

Zack, vor den Kopf geknallt! Das Freudenbarometer von Hundert auf Null in weniger als einer Sekunde! Komischer Satz von Jesus, so distanziert, so gar nicht jesusmäßig nah. In seinem Leben hat er immer die Nähe gesucht, hat Menschen berührt, hatte 12 und noch mehr ganz nah bei sich, hat Menschen geheilt mit seinen Händen, hat Füße anderer gewaschen, hat gefeiert, gelacht, gelebt, immer mit anderen zusammen. Und jetzt: „Berühre mich nicht!“, gerade in dem Moment, wo man das Größte feiern könnte: das Leben!

„Berühre mich nicht!“, es kann auch anders übersetzt werden „Halte mich nicht fest!“ Ich höre es so: Jesus will sagen, dass mit Ostern alles neu wird. Ja, er lebt wieder. Aber es ist nicht einfach wieder wie früher. Es ist anders. Manchmal braucht die Liebe Distanz – so wie jetzt auch in Corona-Zeiten. Es ist anders. Darum, nicht das Alte festhalten, nicht sehnsüchtig zurückschauen, sondern mutig in die Zukunft gehen. Ich glaube, das will er Maria und uns sagen. Lasst euch ein auf das Neue und probiert es aus!

„Berühre mich nicht!“ In Corona-Zeiten halten wir uns daran, aus Fürsorge für andere. Anfassen geht gerade nicht so gut. Aber die Hoffnung nicht aufgeben, das geht. Wenn nicht umarmen, dann halt grüßen über die Straße hinweg oder übers Smartphone oder Internet – wie unsere ESG-KHG-Grüße jede Woche. Wir probieren es immer wieder neu aus, wie Nähe ohne berühren funktionieren kann. Und da sind wir alle sehr kreativ. Dennoch freue ich mich, wenn es wieder möglich sein wird, dass wir uns auch mit Handschlag begrüßen oder mit Umarmung freuen.

Auch Jesus hat nach seiner Auferstehung wieder Nähe zugelassen, hat sich von Thomas berühren lassen, hat mit seinen Freunden und Freundinnen gegessen und gefeiert (davon lesen wir in mehreren Ostererzählungen der Bibel). Jesus übt mit ihnen aber auch, wie sie es aushalten können, wenn er nicht mehr da ist.

Und so üben wir es auch jetzt, Ostern in Corona-Zeiten und das neue Leben für die Zeit danach: Was dann wieder geht, was uns wirklich wichtig ist, und worauf wir uns jetzt und dann erst recht später wieder freuen werden.

In diesem Sinne wünsche ich Euch für diese erste Osterwoche: Jetzt nicht berühren! Aber die Freude nicht verlieren! Und nicht die Hoffnung…

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"Vergesst das Lachen nicht!"   (Stephan, 1. April 20)

Heute beginnt mein Gruß mit einer Warnung: Aber nicht vor Corona. Das wisst ihr eh schon. Nein, heute müsst ihr aufpassen vor diesem Tag. Achtung, es ist der 1. April! Passt auf, dass ihr nicht in den April geschickt werdet!!!

Obwohl, ich frage mich: Wird in diesen Zeiten jemand einen Aprilscherz machen? Sind die Zeiten nicht viel zu ernst für so etwas? Vielleicht. Aber Lachen darf trotzdem sein. Darum heute von mir kein Aprilscherz, aber ein Witz, und zwar ein Coronawitz. Es gibt viele blöde, aber den Corona-Witz finde ich ganz nett:

„Ich war heute in der Bank, um Geld abzuheben. Da kamen 3 maskierte Leute rein. Zum Glück war es nur ein Überfall. Ich dachte schon, es hätte etwas mit Corona zu tun…“

Hm, kann man über so etwas Todernstes wie Corona Witze machen? Manche finden, nein. Aber irgendwie erinnert es mich ein bisschen an Ostern. So weit weg ist Ostern ja nicht mehr. An Ostern werden auch Witze gemacht und wird gelacht, und zwar über den Tod. Mit der Auferstehung Jesu, die wir an Ostern feiern, wurde uns klar, dass das Leben stärker ist als der Tod. Ja, wir müssen alle mal irgendwann sterben, aber danach wird uns wie Jesus ein neues, ein ewiges Leben geschenkt, dem der Tod nichts mehr anhaben kann. Daher können wir uns freuen, lachen und über den Tod Witze machen. Nicht immer, aber auf jeden Fall an Ostern, oder heute am 1. April, gut 10 Tage vor Ostern.

Ich wünsche es Euch allen, egal wo ihr gerade seid und wie ihr mit der Corona-Situation zurechtkommt, vergesst das Lachen nicht, freut euch an den schönen Seiten des Lebens, an sonnigen Frühlingstagen, an besonderen (vielleicht eher digitalen) Kontakten, die wieder neu aufleben, und erinnert euch, dass es etwas Stärkeres als Krankheit und Tod gibt – auf jeden Fall gehören Glaube, Liebe und Hoffnung zu den ganz starken Teilen unseres Lebens. Haltet gut durch, bleibt gesund und behütet. Und – auf dem Weg Richtung Ostern – vergesst das Lachen nicht!

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"in der Nacht"   (Joachim 24.03.20)

In dieser so außergewöhnlichen – für Viele auch außergewöhnlich schlimmen – Zeit denken wir an Euch, auch wenn derzeit alles an den Hochschulen und bei uns in der ESG-KHG ruht. Wir möchten wenigstens auf diesem Weg Euch ein Zeichen unserer Verbundenheit zusenden.
Mittwochs ist ja immer frühmorgens die Taizé-Andacht. Und bei den Taizé-Abenden im letzten Semester haben wir ein - für uns neues - Lied gelernt, auf das ich Euch als ein geistlichen Impuls für diese Zeit hinweisen möchte: „Idere nacht verlang ik naar u, o God, ik hunker naar u met heel mijn ziel“ (Deutsche Fassung: Meine Seele sehnt sich nach dir in der Nacht, mein Geist sucht dich zustiefst in mir)
Vor einiger Zeit habe ich – um das Lied ein wenig besser singen zu können – auf youtube nachgesehen/nachgehört und bin dabei auf eine niederländische Sängerin gestoßen: Kinga Bán. Sie singt es auf eine ganz intensive und beeindruckende Weise - ihr könnt es Euch anhören auf youtube / "Idere nacht" / Nederland Zingt Dag 2015: Idere nacht  ...

Ich habe auch ein wenig über diese Sängerin recherchiert (leider verstehe ich nur sehr wenig Niederländisch); aber etwas habe doch ich gefunden und verstanden. Kinga Bán war(!) Mutter von drei Kinder; sie ist an Krebs erkrankt und vor einem Jahr daran verstorben. Auf diesem Hintergrund bekommt das Lied („ihr Lied“) noch einmal einen ganz eigenen Klang, der einen tief anzurühren vermag. Hört es euch an! Lasst es euch in Euer Herz singen und lasst Euch mit Ihrem Gesang und mit dem Taizé-Lied mitnehmen zu IHM, der besonders in diesen Tagen mit jedem von Euch sein möge!

Seid behütet und herzlich gegrüßt

Weg Pixabay7klein

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Gott segne deinen Weg
die sicheren und die tastenden Schritte
die einsamen und die begleiteten, die großen und die kleinen


Gott segne deinen Weg

mit Atem über die nächste Biegung hinaus
mit Hoffnung auf das noch Unsichtbare
mit dem Mut, stehenzubleiben,
und der Kraft, weiterzugehen


Geh im Segen
und gesegnet bist du Segen
wirst du Segen
wohin dich der Weg auch führt